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Von Bastarden, Kriegern und Superhelden: Der SFB 1167 präsentiert sich auf dem Dies Academicus

Im voll besetzten Hörsaal V der Universität Bonn gewährten Mitglieder des SFB 1167 der interessierten Öffentlichkeit am Tag der offenen Tür der Universität Bonn (4. Dezember 2019) Einblicke in ihre aktuellen Forschungsergebnisse und -vorhaben. Teilprojektleitende und wissenschaftlicher Nachwuchs aus den Fächern Mittelalterliche Geschichte, Japanologie, Germanistische Mediävistik, Indologie, Ägyptologie, Historische Grundwissenschaften, Kunstgeschichte, Osteuropäische Geschichte und den English Medieval Studies gestalteten gemeinsam ein spannendes und vielseitiges Programm.

Zunächst stellte Matthias Becher, der Sprecher des SFB 1167, den Forschungsverbund vor und rückte dabei insbesondere die Herausforderungen eines transkulturellen Zugriffs auf Macht und Herrschaft der Eliten in den Fokus. Dieser bildet in der geplanten zweiten Förderphase des SFB die Basis für die interdisziplinäre Forschung. Eine ganz bestimmte Gruppe von Eliten nahm Daniel Schley anschließend in seinem Vortrag über die Kriegerherrschaft und besonders die ‚Kriegermönche‘ im Japan des 13. Jahrhunderts in den Blick: Er veranschaulichte die vielfältigen Verflechtungen von Politik und Religion, inmitten derer die Krieger zur Zeit der Ausbreitung des Zen-Buddhismus in Japan politisch agiert und ihre Herrschaft legitimiert haben.

Elke Brüggen stellte ihre Überlegungen zu den am Hof versammelten geistlichen und weltlichen Eliten in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters vor. Diese bewegten sich in Bezug auf den Herrscher und untereinander stets in einem dynamischen Machtgefüge zwischen Partizipation, Opposition und Rebellion. Im Anschluss daran stellte Konrad Klaus drei sogenannte Rājataraṅgiṇīs, Chroniken über die Geschichte des kaschmirischen Königreichs, vor und veranschaulichte dabei, dass auch die Mitglieder der Elite im mittelalterlichen Kaschmir ihre politischen Karrieren nicht ohne Turbulenzen verfolgen konnten.

Ludwig Morenz dagegen beleuchtete Strategien der Selbst- und Herrschaftsinszenierung eines einzigen ägyptischen Lokalpotentaten, des Nomarchen Anchtifi, am Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. Mittels aufwendiger, auch mehrdeutiger Grabinschriften in der Nekropole von Hefat versuchte dieser, sich als eine Art ‚Super-Mann‘ zu präsentieren und zu mythologisieren. Andrea Stieldorf wiederum legte in ihrem Vortrag einen besonderen Fokus auf die Inszenierung von Herrscherpaaren. Anhand von Paardarstellungen in Münzbildern der Stauferzeit konnte sie zeigen, dass Frauen, auch wenn sie auf Münzen in der Regel namenlos und dem Herrscher lediglich attributiv zugeordnet erscheinen, in der mittelalterlichen Vorstellung, die offenkundig an ein Herrscher-‚Paar‘ geknüpft war, durchaus einen Anteil an der Herrschaft hatten.

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Steffen Kremer, Mitarbeiter im kunstgeschichtlichen Teilprojekt von Harald Wolter-von dem Knesebeck, thematisierte „Macht und Herrschaft des Bastards von Saluzzo im Spiegel heraldischer Wandmalerei“. Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167 

Von den Münzbildern lenkte Steffen Kremer die Aufmerksamkeit auf die heraldische Wandmalerei. Am Beispiel einer Wanddarstellung des Motivs der Neun Helden, die Valerano, genannt der Bastard, von Saluzzo, um 1420 für sich in Auftrag gegeben hat, entfaltete er das hohe semantische Potential von variabler Phantasieheraldik, wenn es darum ging, realpolitische Situationen zu spiegeln und die Intentionen der Auftraggeber einzufangen.

Innenansichten und Außenbetrachtungen der Kirchenspaltung und der Eliten im Moskauer Reich um die Mitte des 17. Jahrhunderts präsentierten Dittmar Dahlmann und Diana Ordubadi. Diana Ordubadi gab am Beispiel des Patriarchen Nikon einen Einblick in die Herausforderungen, denen sich das russische Kirchenoberhaupt stellen musste, um einerseits die Machtposition der Kirche gegenüber dem Zaren zu behaupten und andererseits Reformen durchzusetzen, gegen die sich ‚Altgläubige‘, etwa unter dem Protopopen Avvakum, vehement zur Wehr setzten. Den Blick von außen lieferte daraufhin Dittmar Dahlmann am Beispiel der Berichte des deutschen Gesandten Adam Olearius nach Russland und an den Hof des Zaren Michail Romanov.

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Rebecca Hardie (English Medieval Studies) sprach gemeinsam mit ihrer Teilprojektleiterin Irina Dumitrescu über „Relations of Power in Medieval Female Networks“. Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167

Der letzte Vortrag des Tages widmete sich dann ganz den weiblichen Mitgliedern der Elite und deren durch charismatische Strategien gewonnener Macht. Irina Dumitrescu stellte zunächst die mannigfaltigen Wege vor, auf denen sich Netzwerke von Frauen konstituieren können. Dies kann zum Beispiel zwischen Individuen geschehen, etwa über Freundschaft oder Patronage; Netzwerke können aber auch über Institutionen oder Objekte und über Bewegungen im Raum hergestellt werden, etwa durch Reisen, Eroberungen oder Heirat – und nicht zuletzt entstehen Netzwerke auch im Umfeld der Produktion und Rezeption von Literatur. Rebecca Hardie erläuterte charismatische Strategien zur Durchsetzung des eigenen Willens anhand einer ganz bestimmten Frau, nämlich der Heiligen Æthelthryth, der es gelingt, mit Bischof Wilfrid einen mächtigen Freund des Königs für sich zu gewinnen, um schließlich die Scheidung von diesem zu erwirken.

Die Präsentationen vermittelten einen lebendigen Eindruck dessen, was die Mitglieder des SFB in den vergangenen dreieinhalb Jahren beschäftigt hat, und boten zugleich einen anschaulichen Ausblick auf die geplante zweite Förderphase.

 

(20.12.2019)

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