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Erosion der Herrschaft: Instabilität, Krisen und Untergang nomadischer Reiche in Innerasien

Jan Bemmann erläuterte Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) im Anschluss an seinen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesungsreihe „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ die Besonderheiten mongolischer Steppenreiche.

Ringvorlesung_Bemmann

Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167

Herr Bemmann, Sie leiten im SFB 1167 das Teilprojekt „Reiternomadische Reiche in Innerasien im diachronen Vergleich – Sicherung und Ausübung von Herrschaft im Spiegel der Baudenkmäler und Schriftquellen“. Woher kommt Ihre Faszination für die Archäologie und was hat Sie wissenschaftlich in die Mongolei „verschlagen“?

Als Kind und Jugendlicher habe ich natürlich wie viele andere auch die üblichen Taschenbücher gelesen, aber als es um die Wahl meines Studienfaches ging, spielte mein Interesse für das Früh- und Hochmittelalter die ausschlaggebende Rolle, so dass ein Geschichtsstudium nahe gelegen hätte. Da dies jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Beschäftigung als Schullehrer gemündet hätte, die mir als Oberstufenschüler überaus unattraktiv erschien, suchte ich nach einer Alternative, die die Archäologie bot. Die Mongolei hat sich mir als Forschungsgebiet erst durch den Wechsel nach Bonn 2005 erschlossen, vorher hatte sie mich nur durch Bücher und die große Ausstellung 1989 in Hildesheim begeistert. Mein Vorgänger Prof. Helmut Roth hatte 1998 ein Forschungsprojekt zur Erkundung der altmongolischen Hauptstadt Karakorum gestartet, das mein Team und ich im letzten Jahrzehnt ausgebaut und erweitert haben.
 


Können Sie uns in knappen Worten beschreiben, mit welchen räumlichen und klimatischen Rahmenbedingungen wir es auf dem mongolischen Plateau zu tun haben, das im Mittelpunkt Ihres Vortrags stand? Wie war/ist diese Region wirtschaftlich organisiert?

In Innerasien herrscht ein kontinentales Klima, das heißt frostklirrende Winter und heiße Sommer, ebenso sind die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht erheblich. Die Hauptstadt der Mongolei, Ulaanbaatar, gilt als die kälteste Metropole der Welt. Der in den meisten Regionen zu geringe Niederschlag und die kurze Wachstumsperiode verhindern einen Regenfeldbau – von Hirse abgesehen, so dass Ackerbau nur eine verschwindend geringe Rolle im Wirtschaftsleben spielte. Vermutlich schon im 3. Jahrtausend vor Christus wurde der Pastoralnomadismus eingeführt und basiert in der Mongolei und den angrenzenden Regionen auf den fünf Tierarten Schaf, Ziege, Rind, Pferd und baktrisches Kamel. Die intensive Nutzung des Pferdes erhöhte den Radius der Viehhalter erheblich und war die Grundlage für den militärischen Erfolg der Reiterkrieger seit Ende des 2. Jahrtausends vor Christus.

 


Sie erwähnten, dass die Herrschaftsnachfolge in nomadischen Reichsgründungen nicht dynastisch nach dem Prinzip der Primogenitur ablief, also nicht der älteste Sohn der gewissermaßen natürliche Nachfolger seines Vaters war, sondern es wie im frühmittelalterlichen Europa zu Reichsteilungen kam. Sind diese schuld an der im Vortragstitel erwähnten Instabilität?

Nachfolgestreitigkeiten sind sicherlich weltweit in allen Imperien häufig vertreten und stellen zweifellos ein schwächendes Moment dar. Reichsteilungen treten in der Regel nach dem Ende der expansiven Phase von neuformierten Reiche auf, wenn die Herrschaft konsolidiert werden muss und aufgrund der schieren Größe des Gebildes und der unzureichenden Kommunikationsmittel die Kontrolle der weiter vom Zentrum entfernten Regionen an lokale Eliten oder Gefolgsleute übertragen werden muss. Diese Regionen streben nach Eigenständigkeit, wenn die zentrale Macht schwächer wird. Ein anderer Faktor für Instabilität sind sicherlich die unterworfenen wieder nach Unabhängigkeit strebenden Gruppen innerhalb des Reiches sowie politische und militärische Misserfolge des Herrschers, die in eine Abwärtsspirale und dem Sturz des Regenten münden können. Naturkatastrophen und Klimaveränderungen werden in jüngster Zeit erneut als Auslöser von Reichskrisen oder sogar als Ursachen für den Zerfall von Reichen ins Feld geführt, sollten jedoch unabhängig von der tagespolitischen Konjunktur kritisch betrachtet werden.
 


Sie deuteten an, dass die durchaus verbreitete Unterschätzung reiternomadischer Völker im vorliegenden Fall mit der Tatsache zu tun haben könnte, dass die Schriftquellen, die über die Steppenreiche vorliegen, vorrangig aus chinesischer Perspektive verfasst wurden und daher vom positiven Selbstbild eines seßhaften Volkes geprägt sind. Liefern archäologische Zeugnisse Indizien für die Vorteile der nomadischen Lebensweise?

In der Tat bringen die südlichen Nachbarn der nomadischen Wirtschaftsweise und dem jahreszeitlich bedingten Wechsel der Weidegebiete – also einer erhöhten Mobilität – wenig Verständnis und Sympathie entgegen. Aus Han-chinesischer Sicht sind die Nomaden das personifizierte „Andere“, unzivilisierte Barbaren. Sofern Selbstzeugnisse vorliegen sehen sich die Nomaden allerdings den Sesshaften gegenüber als überlegen an. Meines Erachtens werden die Leistungen der Steppenbewohner auch heute noch chronisch unterschätzt. Mit ein Anliegen meines Teilprojekts ist es, durch die diachrone Untersuchung verschiedener Reiche und ihrer Strategien zur Sicherung der Herrschaft mit liebgewonnenen Vorurteilen aufzuräumen. Seien es die „guten Wilden“, die in Einklang mit der Natur nachhaltig die Regionen nutzen, oder die blutrünstigen Teufel, die vom Rücken ihrer Pferde die Welt erobern, beides weit verbreitete Ansichten, die einer Überprüfung nicht stand halten. So wie Karl der Große heute als Wegbereiter Europas gilt, genießt am anderen Ende Eurasiens Dschingis Khan als Gründer des größten zusammenhängendes Weltreiches hohes Ansehen. Vieles hängt von der Perspektive des Betrachters ab.
 


Vielen Dank, dass Sie uns Ihre Perspektive in Vortrag und Gespräch nähergebracht haben!


(02.08.2018)

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