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Macht und Herrschaft im ländlichen Raum von der Spätantike bis in das Hohe Mittelalter – Archäologische Befunde aus dem nördlichen Rheinland

Im Anschluss an diesen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ sprach Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) mit Dr. des. Timo Bremer über das Potential der Archäologie für die Erforschung von Macht und Herrschaft.

Ringvorlesung_Bremer

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

Herr Bremer, das von Ihnen geleitete Teilprojekt „Herrschaftspraxis im ländlichen Raum des Niederrheins von der Spätantike bis ins Hochmittelalter“ im SFB 1167 baut auf landschaftsarchäologischen Untersuchungen im Raum Inden-Pier auf, mit denen bereits im Jahr 2011 begonnen wurde. Diese waren nur möglich, weil der Ort dem Braunkohlentagebau weichen musste. Wie kann man sich die zeitlichen Abläufe vorstellen? Durften die Bagger erst rollen, als die Archäologinnen und Archäologen mit ihrer Arbeit fertig waren, oder handelte es sich um einen Wettlauf gegen die Zeit, bei dem zu befürchten gewesen wäre, dass Ihnen bedeutende Funde vor der Nase „weggebaggert“ werden?

Sowohl als auch: Einerseits haben wir Jahre im Voraus bestimmte Untersuchungsschwerpunkte mit dem Braunkohleunternehmen abgesprochen und konnten so wichtige Denkmäler im Ort umfassend untersuchen. Anderseits kamen immer wieder Zufallsfunde zutage, die wir innerhalb kürzester Zeit untersuchen mussten. Der Abbauplan des Braunkohleunternehmens wird nur in Ausnahmefällen für die Archäologie geändert. Letztlich war die Zeit somit immer der limitierende Faktor, so dass der Arbeitsalltag vor Ort eher den Charakter einer Notgrabung hatte. Es handelte sich dabei aber trotzdem um eine Forschungsgrabung, da wir Schwerpunkte setzen konnten, die wir über Jahre verfolgten, und da die Grabungen durch eine Vielzahl naturwissenschaftlicher Untersuchungen begleitet wurden.


Für diejenigen, die Ihren Vortrag verpasst haben: Von was für Fundstücken sprechen wir in Ihrem konkreten Fall? Aus welchen archäologischen Zeugnissen lassen sich überhaupt Erkenntnisse über Macht und Herrschaft ableiten?

Da wir überwiegend Siedlungsreste untersucht haben, sind die Funde zumeist recht unspektakuläre Scherben und Tierknochen, seltener Gegenstände aus Eisen oder Bronze. Lediglich aus den spätantiken und merowingerzeitlichen Bestattungen liegen umfangreiche Beigabenensembles wie Geschirr, Waffen und Schmuck vor.
Erkenntnisse zu Macht und Herrschaft ergeben sich meines Erachtens weniger aus einzelnen herausragenden Fundobjekten und mehr aus den größeren Zusammenhängen: Also Mengenverhältnisse von Funden oder die Anordnung von Befunden im Raum. Wichtig ist zudem die diachrone Betrachtung langer Zeiträume.


Sie sind Teil eines Sonderforschungsbereichs, in dem die meisten Teilprojekte mit Textquellen arbeiten. Welchen Stellenwert besitzen diese für Ihre tägliche Arbeit? Versuchen Sie, diese Quellen zunächst außen vor zu lassen, um Ihren Funden möglichst unvoreingenommen zu begegnen und keine Zirkelschlüsse zu ziehen, oder findet ein ständiger Abgleich statt, um das untersuchte Material besser einordnen zu können? Beide Herangehensweisen scheinen Vor- und Nachteile zu haben…

Reinhard Wenskus' Devise „getrennt marschieren, vereint schlagen“ gilt heute methodisch weitgehend als überholt. Denn die Mittelalterarchäologie ist methodisch und terminologisch auf das engste mit der Textforschung verwoben. Bereits die Ansprache der Funde fußt auf historischem Wissen: Beispielsweise ließe sich eine Turnierlanze oder ein Aquamanil funktional kaum sinnvoll ansprechen, wenn man das Wissen über das Turnierwesen oder die mittelalterliche höfische Kultur bewusst ausblenden würde.
Außerdem wird der methodische Sinn des getrennten Vorgehens heute kritisch betrachtet: Intuitiv klingt es zwar plausibel, dass die Kombination unterschiedlicher Quellengattungen zu mehr Zirkelschlüssen führt, theoretisch gibt es dafür aber keinen plausiblen Grund. Zirkelschlüsse lassen sich mit „rein archäologischen“ Argumentationen genauso erstellen, wie mit „rein auf Schriftquellen“ basierenden Argumenten.
In der Praxis ist es oft so, dass Text- und Sachquellen ganz unterschiedliche Aspekte beleuchten und andere Perspektiven auf eine Fragestellung zulassen. Generell lassen sich mit archäologischen Quellen besser Strukturen, Mentalitäten, regelhaftes Handeln sowie wirtschaftliche und soziale Prozesse erfassen, weniger gut hingegen einzelne Ereignisse und Personen. Deshalb gelingen strukturgeschichtliche Synthesen oft besser, wogegen Versuche, beispielweise kriegerische Ereignisse mit einer Brandschicht oder ähnlichem in Verbindung zu bringen, häufiger zu falschen Schlüssen führen. Aber streng genommen liegt das methodische Problem auch hier in der Über- beziehungsweise Fehlinterpretation der archäologischen Quellen und nicht in der Synthese aus Sach- und Schriftquellen.

 

Ringvorlesung_Bremer_Untersuchungsgebiet

Im markierten Gebiet fanden die umfangreichen Grabungen statt. Karte: © Timo Bremer


Wie jede wissenschaftliche Disziplin hat auch die Archäologie diverse Paradigmenwechsel hinter sich, die Sie uns vor Augen geführt haben. Könnten Sie noch einmal zusammenfassen, wie sich heutige Vorstellungen von der Kategorie ‚Raum‘ von älteren Herangehensweisen unterscheiden? Sie erwähnten unter anderem, dass Standortwahl und Positionierung bestimmter Orte als „soziales Handeln“ begriffen werden und die „Sinnstiftung von Raum“ im Mittelpunkt des Interesses steht. Wie ist das zu verstehen?

Raum war seit der Entstehung des Faches eine ganz zentrale Kategorie. Ging es zunächst um den Nachweis von „Völkern“ oder Kulturgruppen, rückten später wirtschaftliche Fragestellungen, Siedlungsprozesse und anderes in den Vordergrund. Immer ging es jedoch um die Verteilung von Funden und Befunden im physischen Raum. Mit dem spatial turn hingegen rückte der symbolische Raum und die individuelle Wahrnehmung von Raum in den Vordergrund. Raum wird nun als Geflecht von Bedeutungen verstanden, die durch das soziale Handeln der Menschen entstehen. In der Archäologie wurden diese Ideen besonders in der modernen Landschaftsarchäologie aufgegriffen.
Aus diesem neuen Zugang zum Raum ergeben sich neue Blickwinkel auf das Thema Macht und Herrschaft: Denn zweifelsohne versuchen Eliten durch Inszenierungen, Bestattungen, repräsentative Bauten und vieles mehr die „Deutungshoheit“ über den Raum zu erlangen und so ihre Herrschaft zu legitimieren. So fasst man beispielsweise in der frühen Merowingerzeit häufig die Anlage von Gräbern in römischen Ruinen. Ab der späten Merowingerzeit wurden hingegen zahlreiche Kirchen in Gräberfeldern errichtet. Der hochmittelalterliche Adel wiederum errichtete seine Burgen regelhaft fernab der bestehenden Siedlungen, um sich von der Masse der Bevölkerung abzusetzen. Bei den erstgenannten Fällen könnte die Bildung von Ursprungsmythen ein bedeutendes Motiv sein, im letzteren Fall grenzte sich der im Entstehen begriffene Niederadel von Nicht-Adel ab und betonte so seine ständische Qualität.
Für sich betrachtet sind diese Deutungen zweifellos höchst spekulativ. Die Plausibilität lässt sich letztlich nur prüfen, wenn derartige Siedlungsmuster häufiger auftreten und wenn sich in anderen Quellen ebenfalls Hinweise auf derartiges kulturbedingtes Verhalten zu finden sind. Hier eröffnet das transdisziplinäre Arbeiten viele Möglichkeiten.


Abschließend würde ich Sie gerne um eine Einschätzung bitten: Denken Sie, dass Ihr Teilprojekt Möglichkeiten eröffnen kann, anhand der Peripherie die Durchschlagskraft der jeweiligen „politischen Zentren“ zu bewerten, oder ist das zu optimistisch gedacht, da Sie in der Diskussion bereits angedeutet haben, dass ländliche Regionen meist eher „träge“ auf Veränderungen der Herrschaftsverhältnisse reagierten?

Das ist meines Erachtens keineswegs zu optimistisch gedacht. Sicherlich hat der ländliche Raum seine eigene Dynamik und zerfällt zumindest in der Peripherie immer wieder in de facto unabhängige kleinräumige Herrschaftsgebiete. Trotzdem lässt sich die überregionale Vernetzung von lokalen Eliten im archäologischen Befund gut nachweisen: Gibt es eine differenzierte soziale Stratigrafie lokaler Eliten? Finden sich bei diesen Eliten Güter aus entfernten Regionen, die auf Kontakte schließen lassen? Gab es Speicherbauten und ähnliches, in der Abgaben und Überschüsse aus landwirtschaftlicher Produktion gelagert wurden? Existierte überhaupt die notwendige Infrastruktur, die Voraussetzung für die Kontrolle der Zentralgewalt ist? Wenn sich zudem in Textquellen Belege für administrative Strukturen im weitesten Sinne abzeichnen, lassen sich daraus gut begründete Schlüsse ziehen.
Letztlich lässt sich damit überzeugender abschätzen, welche Kontrolle König und Hochadel tatsächlich über das Land ausübten und welche Einkommensquellen diesen Gruppen zur Verfügung standen – was wiederum den Erfolg oder das Scheitern von Herrscherdynastien besser erklärbar macht. Hier kann sich die Archäologie in Zukunft sicherlich noch wesentlich stärker an der Debatte beteiligen.


Darauf freuen wir uns. Vielen Dank für diese weiterführenden Einblicke!


Weiter geht es in der Ringvorlesung am 21. November 2017 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Prof. Dr. Andrea Stieldorf (Historische Grundwissenschaften) zum Thema „Spieglein, Spieglein... Bilder von Königinnen auf Siegeln und Münzen“.

 

(14.11.2017)

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