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Macht und Herrschaft – grundsätzliche Überlegungen am Beispiel des Delhisultanates (1206–1526)

Mit dem Vortrag von Stephan Conermann begann am 17. April 2018 der dritte Teil der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“. Im Anschluss befragte Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) den Vortragenden zur Rolle Max Webers in der Islamwissenschaft und den Besonderheiten seines Untersuchungsraumes.

Ringvorlesung_Conermann

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

 

Herr Conermann, Sie leiten im SFB 1167 das Teilprojekt „Macht und Herrschaft in indo-persischen historiographischen Texten aus der Zeit des Delhisultanates (1206–1526)“. Immer, wenn in den bisherigen SFB-Veranstaltungen die Rede auf das Delhisultanat kam, hatte ich den Eindruck, dass es sich um einen Untersuchungsgegenstand handelt, der in der islamwissenschaftlichen Forschung bislang eher stiefmütterlich behandelt wurde. Können Sie diesen Eindruck bestätigen, und wenn ja: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ja, das ist richtig. Im Zentrum der deutschen Islamwissenschaft steht traditionell der arabischsprachige Raum. Die meisten Lehrstühle sind auf diese Region ausgerichtet. Zwar gibt es an einigen Universitäten eine Iranistik, doch versteht man darunter in der Regel eher eine Sprachwissenschaft. Doch selbst wenn ein Islamwissenschaftler/eine Islamwissenschaftlerin oder ein Iranist/eine Iranistin einen historischen Schwerpunkt hat, konzentriert man sich in der Regel auf die Geschichte des Iran und nicht auf Indien.

  
In Ihrem Vortrag haben Sie auf Max Webers klassische Definitionen der Begriffe ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘ rekurriert. Wie würden Sie den Stellenwert Webers in der gegenwärtigen Islamwissenschaft beurteilen? Lässt sich Ihr Untersuchungsraum mit seinen Kategorien angemessen beschreiben?

Ich denke, die wenigsten Islamwissenschaftler haben sich jemals mit Max Weber befasst. Bei mir kommt das auch nur daher, weil ich in Kiel, wo ich studiert und meine Dissertation geschrieben habe, viele Seminare bei Hermann Kulke – einem echten Weber-Fan – besuchen durfte. 


Grundlage Ihrer Ausführungen zum Delhisultanat waren Reiseberichte Ibn Battutas (gest. 1368/69), den Sie als eine Art „Marco Polo des Islam“ bezeichnet haben. Was wissen wir über seine Person und den Entstehungskontext der von Ihnen verwendeten Quelle?

Na ja, wie ich in meinem Vortrag angedeutet habe: Ibn Battutas Werk ist in den letzten Jahren kritisch analysiert worden. Man hat mit sehr überzeugenden Argumenten die These aufgestellt, dass sehr viele Teile nicht von ihm stammen. Für seine Indienerlebnisse scheint unter anderem eine zeitgenössische persische Chronik Pate gestanden zu haben.

 

Sie sind der Frage nachgegangen, ob es sich beim Delhisultanat um einen patrimonialen Herrschaftsverband gehandelt hat. Welche Merkmale kennzeichnen einen solchen Verband im Allgemeinen und wie fällt Ihre Antwort bezogen auf Ihr Beispiel aus? Welche Charakteristika des Delhisultanats sind aus Ihrer Sicht besonders prägnant?

Einen Patrimonialstaat kennzeichnet vor allem das, was Weber als „Einverständnisgemeinschaft“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Herrschaft in einem Herrschaftsverbund wie dem Delhisultanat nicht über eine flächendeckende Administration mit Sanktionsgewalt ausgeübt wird. Vielmehr musste Herrschaft immer wieder mit den eigenen und den lokalen Eliten ausgehandelt werden. Nur, wenn eine win-win-Situation für die Partner entstand, war man bereit, die Suzeränität des Sultans anzuerkennen. 


Herrschaft war in Ihrem Untersuchungszeitraum eindeutig männlich geprägt. In der Diskussion nach Ihrem Vortrag wussten Sie allerdings auch von einer Sultanin zu berichten. Wie ist es zu erklären, dass es lediglich eine Frau in diese Funktion schaffte, wenn weibliche Herrschaft doch offensichtlich nicht grundsätzlich ausgeschlossen war?

Es handelt sich um Raziyya, eine Tochter des in den Quellen für sehr bedeutend angesehenen dritten Herrschers des Delhisulatantes, Shams ad-Din Iltutmish (reg. 1211-1236). Sie regierte für knapp vier Jahre – ein absoluter Ausnahmefall, der nur sehr schwer zu erklären ist. Es wird neben der Autoritätsübertragung durch die offizielle Einsetzung durch ihren Vater wohl auch ihr Charisma gewesen sein, das ihr offenbar die Anerkennung durch die höfische Elite sicherte. Ach ja, falls jemand wissen will, wie sie „wirklich“ war, sollte er/sie sich einmal die indische Fernsehserie „Razia Sultan“ ansehen!

 

Vielleicht mal etwas für einen SFB-Videoabend? In jedem Fall vielen Dank für den Tipp und das Gespräch!


Weiter geht es in der Ringvorlesung am 8. Mai 2018 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Dr. Linda Dohmen zum Thema „Frauen an der Macht. Ressourcen und Optionen frühmittelalterlicher Herrschergemahlinnen“.
 

(26.04.2018)

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