Sie sind hier: Startseite Aktuelles Nachrichten des SFB 1167 Die ‚Zeit der Wirren‘ und die Moskauer Selbstherrscher (1598–1613)

Die ‚Zeit der Wirren‘ und die Moskauer Selbstherrscher (1598–1613)

Prof. Dr. Dittmar Dahlmann und seine Mitarbeiterin Dr. Diana Ordubadi stellten im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ das Teilprojekt aus dem Bereich der Osteuropäischen Geschichte vor. Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) sprach im Anschluss mit beiden über die Grundzüge des Untersuchungszeitraums und die Außensicht auf das Geschehen in Moskowien.

Ringvorlesung_Dahlmann_und_Ordubadi

Im September organisierten Dittmar Dahlmann und Diana Ordubadi gemeinsam einen Workshop, nun stellten sie die ‚Zeit der Wirren‘ in der Ringvorlesung des SFB 1167 vor. Foto: © Viktoriya Shavlokhova | SFB 1167

 

Frau Ordubadi, die Jahre zwischen 1598 und 1613 werden als ‚Zeit der Wirren‘ (russ. ‚smuta‘) bezeichnet. Können Sie in wenigen Worten umreißen, was diese Jahre so wirr und chaotisch gemacht hat?

Als ‚Zeit der Wirren‘ bezeichnet man in der russischen Geschichte eine tiefe politische und gesellschaftliche Krise, die zwischen dem Tod des letzten Zaren aus der Rjurikiden-Familie Fedor Ioannovič und der Berufung auf den Thron von Michail Fedorovič, dem Gründer der Romanov-Dynastie, ihren Höhepunkt erreichte. Der bisher unbekannte Interregnum-Zustand löste unerbittliche Machtkämpfe um den Thron in Moskau aus, wobei der Prozess der Durchsetzung von neuen Legitimationsstrategien einsetzte, zumal die Herrschaftsübergänge neu gestaltet werden mussten. In der kurzen Periode von 15 Jahren erlebte Russland den Wechsel von fünf Herrschern: Boris Godunov, sein Sohn Fedor Godunov, Pseudodemetrius, Vasilij Šujskij und Michail Romanov selbst. Die Smuta sei nach der herrschenden Meinung in der Forschung eindeutig auf die Terrorpolitik Ivans (IV.) des Schrecklichen innerhalb des eigenen Zartums zurückzuführen, als deren Folge reguläre Regierungs- und Verwaltungsstrukturen des Landes nachhaltig zerstört wurden. Hinzu kamen solche physischen Faktoren wie der Ausbruch der sog. kleinen Eiszeit, die in Moskowien für schlechte Ernten, damit verbundene Hungersnöte und tödliche Krankheitsepidemien sorgte. Das Ganze sorgte in der einfachen Bevölkerung für zusätzliche „Verwirrung“ und wurde als Gottes Strafe für Sünden der Machtinhaber interpretiert.

 

Im Titel des Teilprojekts, in dem Sie als Mitarbeiterin angestellt sind, findet sich ein weiteres für Fachfremde erläuterungsbedürftiges Begriffspaar, „Samoderžcy i edinoderžavie“. Was bezeichnen diese Begriffe und inwiefern prägen sie Ihren Untersuchungszeitraum?

Unser zugegebenermaßen etwas umständlicher Titel mit den Schlagwörtern Samoderžcy i edinoderžavie steht für nichts Anderes als für die Bezeichnung der Selbstherrscher und der Alleinherrschaft im Russischen. Dieses Begriffspaar greift den Unterschied zwischen der von den russischen Herrschern erstrebten Form ihrer Herrschaftsausübung und dem tatsächlichen Ausmaß ihrer Entscheidungskompetenz auf. Obwohl bereits Ivan IV. (der Schreckliche) in den offiziellen Urkunden seiner Zeit samoderžec (Selbstherrscher) genannt wurde, bezeichnet die russische Forschung die Herrschaftsform der russischen Zaren bis zum Beginn der Petrinischen Epoche im späten 17. Jahrhundert meist „nur“ als edinoderžavie (Alleinherrschaft). Letzterer Begriff bringt die Abhängigkeit der zarischen Stellung von der Meinung und den Bestrebungen der altrussischen Aristokratie, den Bojaren, und von der Legitimierung durch die russische Kirche zum Ausdruck. Während der Smuta bemühte sich jeder der Zaren intensiv darum, diesen Einfluss der Staatseliten auf die Macht des Herrschers zu beschränken, was allerdings meistens kaum vom Erfolg gekrönt wurde.

 

Sie sprachen in Ihrem Vortrag jedoch nicht nur über Zaren, sondern erwähnten unter anderem auch eine Landesversammlung. Wie war dieses Gremium personell zusammengesetzt und welche Aufgaben nahm es wahr?

Diese Landesversammlungen (russ. Zemskij sobor) hatten in Moskowien eine lange Tradition und wurden regelmäßig zur Klärung verschiedener Staatsfragen in der Hauptstadt einberufen. Während der Smuta fiel ihnen zweimal – im Falle von Boris Godunov und von Michail Romanov – die Aufgabe zu, einen neuen Zaren auszuwählen bzw. zu legitimieren. Obwohl die Zemskie sobory natürlich nicht einmal annähernd unserer aktuellen Vorstellung von einem demokratischen Wahlorgan entsprachen, bildeten sie zur damaligen Zeit die einzige reguläre Form der Ständerepräsentation im Moskauer Staat, wobei die Vertreter unterschiedlicher Stände und sozialer Schichten einen gewissen Einfluss auf die Machtausübung des Zentrums nehmen konnten. Diese Versammlungen wurden jedes Mal zu verschiedenen Anlässen neu berufen und sollten offiziell das gesamte russische Volk repräsentieren. Meistens bestanden sie aber vornehmlich aus den Vertretern der obersten Schichten – der Bojaren, der Kirchenvertreter und des Dienstadels, wobei auch niedrigere Schichten unbedingt vertreten waren, allerdings in einer deutlich geringeren Zahl. Die Landesversammlungen tagten oft Tage oder manchmal sogar Wochen lang, je nach der Wichtigkeit der zu klärenden Fragen, bevor sie dann nach getaner Arbeit wieder aufgelöst wurden.

 

Herr Dahlmann, Sie haben im Anschluss an Frau Ordubadis Ausführungen vorgestellt, wie ausländische Diplomaten, Gelehrte und Kaufleute über die ‚smuta‘ geschrieben haben. Haben Sie eine Art Lieblingstext, den Sie besonders außergewöhnlich finden, und wenn ja, aus welchen Gründen?

Mein Lieblingstext ist die „Beschreibung der moßcouitterischen Rayß“, die der Augsburger Juwelier Hanns Georg Peyerle um das Jahr 1608 verfasst hat. Peyerles Bericht, der zu Teilen wohl auf tagebuchartigen Aufzeichnungen beruht, hat den Vorteil einer gewissen „Naivität“, weil er kaum etwas über Russland und die dort herrschenden Verhältnisse wusste. Er schreibt gänzlich unreflektiert und ahnungslos, was ihm seine Gewährsleute, zumeist polnischer Herkunft, berichten. Von daher hat dieser Text, der zwar in einem recht trockenen Ton verfasst ist, seinen ganz eigenen Charme.

 

Lassen sich die Aussagen dieser Texte durch anderes Quellenmaterial überprüfen oder ist es eher wahrscheinlich, dass wir es in vielen Fällen mit literarisch stark überzeichneten Berichten zu tun haben?

Zum einen ergänzen sich die von mir vorgestellten fünf Texte zu Teilen gegenseitig, und man kann an ihnen vor allem sehen, was Ausländer für berichtens- und erzählenswert hielten, wie sie Russland darstellten und für welche der Konfliktparteien sie aus welchen Gründen Partei ergriffen. Wichtig sind selbstverständlich ihre Quellen und ihre Informanten über das Selbsterlebte und Gesehene hinaus. Zudem gibt es eine ganze Reihe von anderen Texten, etwa weitere diplomatische Berichte aus schwedischer und polnischer Sicht, aber auch russische zeitgenössische Augenzeugenberichte und Chroniken, die zur Überprüfung herangezogen werden können. Bei solchen Berichten sollte man meines Erachtens immer „unterstellen“ oder davon ausgehen, dass sie „literarisch überzeichnet“ sind, weil sie nur in sehr seltenen Fällen „absichtslos“ geschrieben wurden. Es macht diese Texte besonders interessant herauszufinden, aus welchen Gründen ein Autor bestimmte Geschehnisse oder Sachverhalte besonders hervorhebt, welche Absichten und Interessen er damit verfolgte.

 

Aus welcher Motivation heraus wurden diese Berichte abgefasst? Wer hatte in den jeweiligen Heimatländern der Schreiber ein derart gesteigertes Interesse, Details über die Zustände in Moskowien zu erfahren, oder handelte es sich in vielen Fällen gar nicht um Reiseberichte im eigentlichen Sinn, weil Personen wie der von Ihnen angeführte Jacques Margeret langfristig im Dienst eines oder sogar mehrerer Herrscher standen?

Ein „klassischer“ Reisebericht ist keiner dieser Texte, auch der Peyerles nicht, denn wir erfahren so gut wie nichts über seine Reise, sondern nur etwas über seine Zeit in Moskau. Interesse an fremden Ländern und den dortigen Verhältnissen war auch damals schon weit verbreitet, und Reise- und sonstige Berichte und Darstellungen fanden zu jeder Zeit ihren Leserkreis. Im Falle des französischen Söldners Margeret fand beispielsweise der französische König Henri IV. den Bericht so wichtig, dass er den Schreiber rund zwei Jahre lang bezahlte und auch für die Druckkosten aufkam. Bei den Texten des deutschen Söldners Conrad Bussow und des niederländischen Kaufmanns Isaac Massa hatten die jeweiligen Herrscher dagegen aus welchen Gründen auch immer offensichtlich kein Interesse, eine Publikation zu befürworten oder zu bezahlen. Woran das gelegen haben mag, vermag ich nicht zu sagen.
Die Schreiber auch der unveröffentlichten Berichte jedenfalls waren ganz offensichtlich der Ansicht, dass Berichte über ferne und fremde Länder und die dortigen Zustände und Verhältnisse einen Bericht wert waren, weil der erwartete Leserkreis kaum jemals eine Gelegenheit haben würde, selbst dorthin zu reisen und sich ein eigenes Bild zu machen. Man rechnete mit der Neugier des Publikums, den Bericht eines Augenzeugen zu lesen.

 

Haben Sie beide vielen Dank für das informative Gespräch!

 

Weiter geht es in der Ringvorlesung am 9. Januar 2018 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Prof. Dr. Konrad Klaus über „Die Thronfolge im mittelalterlichen Kaschmir“.
 

(02.01.2018)

Artikelaktionen