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Frauen an der Macht. Ressourcen und Optionen frühmittelalterlicher Herrschergemahlinnen

Nach ihrem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ stellte sich Linda Dohmen den Fragen von Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit).

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Foto: © Christine Beyer | SFB 1167


Frau Dohmen, Sie leiten im SFB 1167 gemeinsam mit dem Sprecher Matthias Becher das Teilprojekt „Consensus und fidelitas: Personale und transpersonale Elemente königlicher Macht und Herrschaft im ostfränkisch-deutschen Reich“. In Ihrem Untersuchungszeitraum, der vom 9. bis in das 11. Jahrhundert reicht, begegnen wir im ostfränkischen Raum keinen selbständig herrschenden Frauen – an welchen Stellen werden Frauen dennoch als politische Akteurinnen greifbar?

Als Ehefrauen, Mütter, Witwen und Töchter von Herrschern konnten Frauen durchaus aktiv ins politische Geschehen eingreifen, indem sie den König bei seinen Entscheidungen berieten und insbesondere auch in Konflikten Vermittlerrollen übernahmen. Außerdem kann man die Leitung eines Klosters oder Stiftes durch Frauen, also Äbtissinnen, durchaus als ‚Herrschaft‘ auf der Ebene der Eliten des Reiches bezeichnen. Die Ehefrauen der karolingischen Herrscher waren ebenfalls Teil dieser Eliten, handelte es sich bei ihnen doch geradezu regelhaft um Töchter der sogenannten ‚Großen‘ des Reiches. Damit standen die karolingischen Königinnen an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Königtum und Adel.

 

In Ihrer Präsentation haben Sie die lange Liste der Gemahlinnen Karls des Großen gezeigt. Eine Frau, die 783 gestorbene Hildegard, sticht aus dieser Aufzählung eindeutig hervor: auch, aber sicherlich nicht nur, weil sie neun Kinder mit Karl hatte. Lassen sich Aussagen darüber treffen, warum sie – anders als ihre Vorgängerinnen – nicht nach kürzester Zeit aus opportunistischen Gründen „ersetzt“ wurde?

Bei Hildegard scheint es sich bewusst um Karls ‚eigene Wahl‘ gehandelt zu haben, während seine vorherige Verbindung zur Tochter des Langobardenkönigs Desiderius auf die Initiative seiner Mutter Bertrada zurückgeführt werden kann. Überhaupt war Karls Verhältnis zu Hildegard nach allem, was wir wissen, eng: Selbst in hochschwangerem Zustand begleitete sie ihn auf seinen Kriegszügen, ihre Anwesenheit war ihm wohl sehr wichtig.

 

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Die Figur der Königin im sogenannten Lewis-Schachspiel wirkt neben dem König sorgenvoll und passiv. In der Praxis konnte ihre Position jedoch deutlich stärker sein. Foto: © Christine Beyer | SFB 1167


Anders als man dies vielleicht annehmen könnte, erhielten Gemahlinnen eines Königs den Status einer Königin nicht automatisch durch die Eheschließung, sondern wurden mitunter erst nachträglich geweiht. Zu welchen Anlässen und aus welcher Motivation heraus fanden solche Königinnenweihen statt?

Aus dem 9. Jahrhundert sind zwei sogenannte Ordines zur Weihe und Krönung einer Königin überliefert. Einmal handelte es sich um Judith, die Tochter König Karls des Kahlen, anlässlich ihrer Heirat mit König Aethelwulf von Wessex, und beim anderen Mal um Karls Gemahlin Irmintrud, die Mutter Judiths. Beide Akte dienten der Legitimation. So sollte vermutlich Judiths herausgehobene Stellung in einem fremden Reich untermauert werden, in dem die Ehefrau des Königs ansonsten eher eine untergeordnete Rolle spielte. Im Ordo der Irmintrud hingegen wird in auffälliger Weise für die Fruchtbarkeit der Königin gebetet, und das obschon Karl der Kahle und Irmintrud zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwei Jahrzehnte verheiratet waren und gemeinsam zahlreiche Kinder, darunter auch Söhne hatten. In der Forschung ist die Weihe der Irmintrud daher auch als eine Art „Fruchtbarkeitszauber“ bezeichnet worden, durch den Karl in der Auseinandersetzung um die Nachfolge seines Neffen Lothar II., auf dessen Reich er spekulierte, seine eigene Linie weiter stärken und diese Stärke auch nach außen demonstrieren wollte.

 

Judith, eine der Gemahlinnen Ludwigs des Frommen, haben Sie uns als herausragende Persönlichkeit ihrer Zeit vorgestellt. Zugleich erwähnten Sie, dass Judith mitunter die Schuld am Zerfall des Karolingerreiches zugeschrieben wurde. Wie kommen diese stark voneinander abweichenden Urteile über Judith zustande?

Im Konflikt Ludwigs des Frommen mit seinen Söhnen lassen sich die zeitgenössischen Quellen im Großen und Ganzen den unterschiedlichen politischen Lagern zuordnen. Zudem muss man differenzieren zwischen den Texten, die vor den Aufständen gegen den Kaiser geschrieben wurden, und solchen, die während oder nach der heißen Phase des Konfliktes entstanden. Wer Ludwig den Frommen preisen wollte, der rühmte auch Judith, zumal das Paar in den folgenden Auseinandersetzungen stets fest zusammenstand. Den Gegnern Ludwigs des Frommen hingegen erschien die offenbar sehr einflussreiche Judith als „die Ursache allen Übels“, vielleicht auch weil man vor direkter und grundsätzlicher Kritik am Kaiser – zunächst – zurückschreckte.

 

In Ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Dissertation haben Sie sich der Anfechtung weiblicher Macht anhand von Unzuchtsvorwürfen gegen Gemahlinnen der Karolinger genähert. Setzten sich solche Gerüchte letzten Endes immer durch oder ließen sie sich manchmal auch wirksam eindämmen?

Zunächst einmal wurde keine karolingische Herrschergemahlin in einem öffentlichen Verfahren der Unzucht bzw. des Ehebruchs schuldig gesprochen. Vielmehr sollen sich alle von mir untersuchten Frauen von den gegen sie erhobenen Vorwürfen gereinigt haben. Inwiefern diese Strategie, den Vorwürfen öffentlich zu begegnen, letztlich auch erfolgreich war, ist schwer zu beantworten. Schließlich können wir ja heute noch über die Vorwürfe lesen. Insofern gab es vielleicht schon Fälle, in denen die Gerüchte wirksam eingedämmt werden konnten, nämlich die, von denen wir nichts wissen!


Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
 

Weiter geht es in der Ringvorlesung bereits heute (15. Mai 2018, 18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Dr. Emma O’Loughlin Bérat (English Medieval Studies) zum Thema „Female Genealogies: Imagining Women's Power and the Foundation of England in the 14th Century“.

 

(15.05.2018)

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