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'Der tiuvel schiez iu in den kragen!' Herrschaftskritik in der deutschsprachigen Publizistik

Nach dem Auftaktvortrag zur Fortsetzung der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ sprach Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) mit Prof. Dr. Karina Kellermann über die Risiken und Möglichkeiten vormoderner und heutiger Herrschaftskritik.

Ringvorlesung_Kellermann

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167


Frau Kellermann, Sie leiten im SFB 1167 das Teilprojekt „Publizistische Zeitklagen: Invertierte Herrschaftsansprüche in deutschsprachigen Texten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“. Woher kommt Ihr Interesse für die Publizistik, wie sind Sie auf diese Thematik aufmerksam geworden?

In meiner Habilitationsschrift „Abschied vom ‚historischen Volkslied’. Studien zu Funktion, Ästhetik und Publizität der Gattung historisch-politische Ereignisdichtung“ habe ich mich mit Reimreden und Liedern des Spätmittelalters beschäftigt, die ein politisches Ereignis kommentieren und häufig Propaganda für eine Sache, eine Partei machen wollen. Dabei fiel mir zweierlei auf: erstens gibt es eine Fülle von Texten, die darauf abzielen, Stimmung zu machen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen, und nicht alle sind der Gattung historisch-politische Ereignisdichtung zuzurechnen; zweitens arbeiten deren Verfasser, auch wenn die meisten von ihnen keine großen Dichter sind, mit literarischen Techniken und rhetorischen Mitteln, die sie offenbar gezielt einsetzen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Dies zu erkennen und zu analysieren ist Aufgabe der mediävistischen Literaturwissenschaft, die sich dieser Texte aber allenfalls punktuell – für einen Dichter oder ein Ereignis – angenommen hat.


Sie haben in Ihrem Vortrag erwähnt, dass sich die Publizistik erst seit der Mitte des 14. Jahrhunderts herausgebildet hat. Könnten Sie kurz skizzieren, welche Faktoren für die von Ihnen dargestellte „Erweiterung des Sagbaren“ verantwortlich waren?

1. Zunahme der Alphabetisierung und Konstitution einer breiteren Öffentlichkeit, 2. Herausbildung eines städtischen Kommunikationsraums sowie Veränderung der Nachrichtenpolitik an den Höfen, 3. doppelte mediale Revolution: Papierproduktion und Buchdruck. Durch diese Faktoren stieg die Zahl der schriftlichen Verlautbarungen exponentiell an und davon profitierten die Meinungsmacher, also die Publizisten.


Die in Ihrem Vortragstitel zitierte Verwünschung, der Teufel möge den Herrscher „in den Nacken schießen“, klingt äußerst harsch. Was hatte ein Dichter zu befürchten, wenn er mit solchen klaren Worten die Ehre eines Herrschers in Frage stellte? Genoss er „Narrenfreiheit“ oder wurde er für seine Texte zur Rechenschaft gezogen? Beispiele wie die „Affäre Böhmermann“ haben ja gezeigt, dass „Schmähgedichte“ nach wie vor große Verwerfungen auslösen können…

Zunächst: Die scharfe 5. Satire aus dem sog. ‚Seifried Helbling’ ist sicher nicht vor König Rudolf I. vorgetragen worden, sondern mutmaßlich im Kreis österreichischer Adliger, die mit der Politik des Königs aus dem Hause Habsburg nicht einverstanden waren. Von Narrenfreiheit können Sie nicht ausgehen, vielmehr erwähnen die zeitkritischen Dichter nicht selten die Gefährlichkeit ihres Tuns, äußern sogar Todesangst und verschweigen ihren Namen oder verbergen ihn hinter einem Pseudonym. Später, zu Zeiten des Buchdrucks, wissen wir von Zensurmaßnahmen. Im vorliegenden Fall würde ich davon ausgehen, dass der Dichter nicht zufällig anonym geblieben ist und es vorzog, sich hinter verschiedenen Masken zu verstecken.

 

Heutzutage bietet das World Wide Web zahlreiche Möglichkeiten, zumindest vermeintlich anonym Kritik zu üben. Während sich Peter Suchenwirt und Lupold Hornburg in den von Ihnen vorgestellten Textauszügen mehr oder weniger explizit zu erkennen geben, wirkten die Beispiele von „Personifikationsallegorien“, in denen nicht der Dichter die Kritik vorträgt, sondern ein „lyrisches Es“, etwa das Reich selbst, Missstände beklagt, auf mich wie ein Versuch, Anonymität herzustellen, wirklich nur „Sprachrohr der Beherrschten“ zu sein, als Person aber völlig in den Hintergrund zu treten. Würden Sie diese Einschätzung teilen?

Nein, das wird man so nicht sagen können. Auch Lupold Hornburg hat ja an anderer Stelle eine Reichsklage gedichtet, in der wir die Allegorie des Reiches im Dialog mit dem sich namentlich nennenden Dichter haben. Aber ich glaube schon, dass Sie etwas ganz Entscheidendes ansprechen: Tatsächlich sollte man die Delegation der Zeitklage und Herrscherkritik an eine Personifikation als eine literarische Technik begreifen, die die Möglichkeit offeriert, Kritik aus der Perspektive der Beherrschten zu formulieren.

 

Sie haben formuliert, dass für das Funktionieren von Herrschaft nicht nur eine gewisse Fügungsbereitschaft der Beherrschten notwendig ist, sondern auch eine Bereitschaft der Herrschenden, zuzuhören oder aufzuhorchen. Kann die von Ihnen untersuchte Publizistik in ähnlicher Weise als „Institutionalisierung von Kritik“ betrachtet werden wie die schriftlich einzureichenden Remonstrationen („Zurechtweisungen“) im chinesischen Kaiserreich, die Christian Schwermann in seinem Teilprojekt untersucht?

Sicher nicht in der Weise eines formalisierten Verfahrens, wie es die Remonstrationen sind. Aber über die Rollen, die die Publizisten einnehmen – Warner, Prophet, Zeuge, sachkundiger Kommentator – üben sie Kontrolle aus. So verstehe ich die Publizistik als eine frühe Form von Kontrolle über Herrschaft durch ‚öffentliche Meinung’.

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch.


Weiter geht es in der Ringvorlesung am 7. November 2017 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Dr. des. Timo Bremer (Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie) zum Thema „Macht und Herrschaft im ländlichen Raum von der Spätantike bis in das Hohe Mittelalter – Archäologische Befunde aus dem nördlichen Rheinland“.

 

(06.11.2017)

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