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Die Thronfolge im mittelalterlichen Kaschmir

Im Anschluss an den indologischen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ stellte sich Prof. Dr. Konrad Klaus den Fragen von Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit).

Ringvorlesung_KlausHerr Klaus, Sie leiten im SFB 1167 das Teilprojekt „Königsherrschaft im mittelalterlichen Kaschmir, dargestellt nach der Rājataraṅgiṇī des Kalhaṇa“. Können Sie allen Fachfremden kurz erläutern, um was für einen Text es sich handelt?

Es handelt sich bei der Rājataraṅgiṇī um einen episch-chronikalischen Text, in dem die Geschichte der Könige von Kaschmir von einer mythischen Anfangszeit an bis zum Jahr 1149 n. Chr., d.h. bis zum Jahr seiner Vollendung erzählt wird. Was das Werk als Quellengrundlage für das Teilprojekt besonders geeignet erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass darin nicht wie in den meisten vormodernen indischen Texten nur von guten Königen die Rede ist, von solchen, die die Normen des Königtums in mustergültiger Weise erfüllen, sondern auch von schlechten Königen, von bösen und von schwachen Herrschern, die den an sie gerichteten Erwartungen allenfalls partiell gerecht werden. Wir bekommen so Einblicke auch in die Abgründe, die sich bei der Ausübung von Macht und Herrschaft auftun können.

 

Bei der Vorstellung des Verfassers haben Sie betont, dass er sich nicht als bloßen Chronisten ansah, sondern durchaus dichterische Ambitionen hatte und mit Hilfe seiner besonderen Imaginationskraft die Personen und die Ereignisse vergangener Zeiten wieder lebendig werden lassen wollte. Sie erwähnten außerdem, dass Kalhaṇa eine neutrale Darstellung bieten wollte. Ist sein Selbstverständnis im Text derart explizit überliefert und ist er seinem Anspruch Ihrer Meinung nach gerecht geworden?

Ja. Kalhaṇa schickt seiner Erzählung einen längeren Prolog voraus, aus dem recht deutlich hervorgeht, wie er sein Werk selbst gesehen und was er mit dessen Abfassung bezweckt hat. Danach war es ihm wichtig, zu einer gerechten Beurteilung der kaschmirischen Herrscher zu kommen und gegebenenfalls vorhandene positive und negative Aspekte ihrer Herrschaft gleichermaßen zur Sprache zu bringen. Das ist ihm aus meiner Sicht sehr gut gelungen, insbesondere bei den Herrschern der jüngeren Vergangenheit, über die er vergleichsweise umfangreiche Informationen hatte.

 

Der Berichtszeitraum der ‚Rājataraṅgiṇī‘ umfasst insgesamt 3598 Jahre: In diesen Jahren stehen 138 Königen lediglich drei Königinnen gegenüber. Wenn weibliche Thronfolge grundsätzlich möglich war, warum war sie dann trotzdem derart selten?

Nun ja, die indische, zumal die nordindische, ist – in alter Zeit noch mehr als heute – eine sehr patriarchalische, stark von den Männern dominierte Gesellschaft. Das zeigt sich beispielsweise im Erbrecht, wo ein gleiches Frauenerbrecht erst im vorigen Jahrhundert eingerichtet worden ist. Und die Königsherrschaft war im alten Indien eine Art Besitztum, das innerhalb der königlichen Familie analog zu anderen Besitztümern vorzugsweise an den ältesten Sohn, zumindest an einen männlichen Verwandten vererbt wurde.

 

Ihr Blick auf die Nehru-Gandhi-Dynastie hat gezeigt, dass einzelne Familien in Indien politisch auch heute noch sehr einflussreich sein können. Wie erklären Sie sich diese Kontinuität des dynastischen Gedankens bis in die Zeiten einer parlamentarischen Demokratie hinein?

Da spielen sicherlich viele Faktoren eine Rolle, die man in zwei, drei Sätzen kaum alle anführen kann. Sagen wir so: Ich denke, wir können davon ausgehen, dass es in jeder Kultur eine formative Phase gibt, in der sich bestimmte tiefsitzende Überzeugungen und Gewohnheiten herausbilden, die die Kultur dann über lange Zeiten hinweg prägen und nur sehr schwer zu überwinden sind. Zahlreiche Beispiele dafür liefert bekanntlich die nordamerikanische Kultur, die sehr stark durch die Landnahmezeit geprägt ist. Im Fall der indischen Kultur, deren formative Phase etwa in die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends zu datieren ist, gehört dazu die Überzeugung, dass es sozusagen das Natürlichste ist, wenn die Herrschaft nach dem Ableben des Herrschers auf ein anderes Mitglied seiner Familie übergeht.

 

Im Oktober des letzten Jahres haben Sie im Rahmen eines Workshops zur ‚Kaiserchronik‘, einem Gegenstand des Teilprojektes von Elke Brüggen, einen Vortrag gehalten und dabei einige Parallelen zwischen diesem Text und der ‚Rājataraṅgiṇī‘ herausgearbeitet. Könnten Sie uns hierfür ein Beispiel nennen und einen Ausblick darauf geben, welche Vergleichsmöglichkeiten sich daraus ergeben?

Ich erwähnte eingangs schon, dass Kalhaṇa bestrebt war, die kaschmirischen Herrscher gerecht zu beurteilen und positive und negative Aspekte ihrer Herrschaft gleichermaßen zur Sprache zu bringen. Genauso hat es Elke Brüggen in ihren Texten und speziell in der Kaiserchronik „mit der literarischen Erzeugung komplexer Mischungen von Positivität und Negativität zu tun“, wie sie selbst es einmal sehr schön formuliert hat. Ich denke, da liegt ein großes Potenzial für Vergleiche, und zwar sowohl auf der inhaltlichen Ebene (Was gilt im einen und im anderen Fall als positiv oder negativ?) als auch auf der formalen Ebene (Wie werden diese Dinge zur Sprache gebracht, wie werden solche „komplexen Mischungen“ erzeugt?).

 

Wir sind gespannt auf die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit! Vielen Dank für das Gespräch.

 

Bereits heute (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) geht es in der Ringvorlesung mit einem Vortrag von PD Dr. Alheydis Plassmann zum Thema Sudden death. Kontingenz des Todes und Legitimation von Herrschaft“ weiter.

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

 

(23.01.2018)

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