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Sudden death. Kontingenz des Todes und Legitimation von Herrschaft

Mit dem Vortrag von PD Dr. Alheydis Plassmann ging der zweite Teil der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ zu Ende. Im Anschluss sprach die Vortragende mit Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) über ‚gutes‘ und ‚schlechtes‘ Sterben.

Ringvorlesung_Plassmann

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

 

Frau Plassmann, das von Ihnen geleitete Teilprojekt „Englische Königsherrschaft im Spiegel der Tyrannenschelte (1066–1216)“ umfasst den Zeitraum von der Schlacht bei Hastings bis zur Magna Charta. Inwiefern sind diese Jahre besonders ergiebig für eine Beschäftigung mit Herrscher- und Herrschaftskritik?

Die normannische Eroberung Englands hat eine Erneuerung der Historiographie mit sich gebracht, weil die Ereignisse legitimiert werden mussten. Die Zeit zwischen Wilhelm dem Eroberer und Johann Ohneland hat nicht nur eine Vielzahl an Geschichtsschreibern hervorgebracht, sondern auch solche von außergewöhnlicher Qualität wie Wilhelm von Malmesbury. Gleichzeitig waren aufgrund der Aneignung der Krone durch Wilhelm die Regeln der Sukzession ungeklärt, so dass die Eigenschaften, die ein König mitbringen sollte, intensiv diskutiert wurden.

 

Für die Ringvorlesung des SFB 1167 haben Sie nun plötzliche Todesfälle von Herrschern untersucht. Warum stellen diese in der Historiographie ein „nützliches Narrativ“ dar, wie Sie es formuliert haben?

Ein nützliches Narrativ ist der plötzliche Todesfall nur, wenn man den Herrscher kritisieren will, für den Panegyriker ist ein solches Ereignis ein Alptraum, weil die heilsgeschichtliche Deutung eines plötzlichen Todesfalls ohne Gelegenheit zur Beichte kaum eine andere Interpretation zulässt als die Verdammnis des entsprechenden Herrschers.


Sind sich die von Ihnen in den Blick genommenen Geschichtsschreiber denn einig, was als ‚guter‘ oder ‚schlechter‘ Tod zu gelten hat, oder lässt sich mit erzählerischem Geschick jedes Ableben in die gewünschte Richtung umdeuten?

Ein Tod nach einer Krankheit lässt sich natürlich deuten als eine heroische Fähigkeit, Leiden zu ertragen, und kann gedeutet werden als eine göttliche Prüfung, die die betreffende Person vor dem Tod noch ‚reinigt‘. Ein plötzlicher Todesfall durch Pfeil, Ersticken oder ähnliches ohne Vorbereitung kann dagegen kaum positiv interpretiert werden.

 

Den Chronisten Heinrich von Huntingdon haben Sie als „Systemkritiker“ bezeichnet, der Königen empfahl, der Welt zu entsagen. Verknüpft er diesen Rat mit Vorstellungen eines alternativen Gesellschaftsmodells?

Leider nein. Für Heinrich von Huntingdon ist diese Welt einfach unvollkommen und eine Verbesserung ist nicht vorgesehen, weil erst die jenseitige Welt perfekt ist. Deswegen möchte er ja die Sorgen um die diesseitige Welt aus den Gedanken der Menschen verbannen. Wie er sich das praktisch vorstellt, wenn alle ins Kloster gehen, hat er leider nicht gesagt.

 

Der von Ihnen angesprochene Wilhelm Rufus wirkt auf den ersten Blick wie das „Musterbeispiel“ eines Tyrannen. Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass sich dieser König trotzdem 13 Jahre lang (von 1087 bis 1100) im Amt halten konnte, bevor er bei einem Jagdunfall ums Leben kam. War seine Regierungszeit möglicherweise erfolgreicher als spätere Historiographen uns das glauben lassen wollten?

John Gillingham hat dieses Problem in seiner Biographie über Wilhelm Rufus ausführlich besprochen und argumentiert, dass der ‚Mustertyrann‘ eben erst aus der Rückschau und vor allem wegen der Stilisierung als Gegner Anselms entstand. Einige wenige zeitgenössische Quellen sowie Geoffrey Gaimar zeigen, dass Wilhelm Rufus recht erfolgreich war. Die Beurteilung als Tyrann in der Rückschau gibt es mehrfach in der englischen Historiographie. Manchmal hat man sich vielleicht auch zu Lebzeiten nicht getraut, die Kritik zu deutlich zu äußern.

 

Im Sommersemester 2018 wird die Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ fortgesetzt (jeweils dienstags, 18 Uhr c.t., Hörsaal XIII). Themen und Termine finden Sie in Kürze hier.
 

(30.01.2018)

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