Sie sind hier: Startseite Aktuelles Nachrichten des SFB 1167 Weibliche Herrschaftspartizipation im Heiligen Römischen Reich. Die Herzoginnen von Kleve vom 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert

Weibliche Herrschaftspartizipation im Heiligen Römischen Reich. Die Herzoginnen von Kleve vom 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert

Andreas Rutz schilderte Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) nach seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ unterschiedliche Formen weiblicher Teilhabe an Herrschaftsprozessen.

Ringvorlesung_Rutz

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167
 

Herr Rutz, das Thema Ihrer Habilitationsschrift, „Die Beschreibung des Raums. Territoriale Grenzziehungen im Heiligen Römischen Reich“, passt hervorragend zu Spannungsfeld C („Zentrum und Peripherie“) des SFB 1167. Welche anderen Anknüpfungspunkte an unseren Forschungsverbund sehen Sie als assoziiertes Mitglied?

Meine Habilitationsschrift, die vor wenigen Wochen im Druck erschienen ist, passt inhaltlich in der Tat sehr gut zu diesem Spannungsfeld, da ich mich darin intensiv mit der Peripherie von Herrschaftsräumen, nämlich den territorialen Grenzen im Heiligen Römischen Reich befasse. Ich zeige in dieser Studie, wie Grenzen und der Prozess der Grenzziehung die Entstehung von Territorien und die kontinuierliche Behauptung räumlicher Herrschaft in Mitteleuropa seit dem Mittelalter bestimmten. Diese räumliche Komponente von Herrschaft und Herrschaftsbildung ist meines Erachtens ganz entscheidend für das Verständnis vormoderner ‚Staatlichkeit‘ und ich freue mich dementsprechend schon sehr auf die Tagung „Core, Periphery, Frontier – Spatial Patterns of Power“ zu Spannungsfeld C im März 2019.

Auch der zweite Schwerpunkt meiner aktuellen Forschungen, die Teilhabe von Frauen an Macht und Herrschaft im Europa der Frühen Neuzeit, fügt sich in die Diskussionen des SFB ein. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf die SFB-AG „Die Frau(en) des Herrschers“ zu verweisen, in der wir die Möglichkeiten weiblicher Herrschaftspartizipation und Regierung in transkultureller Perspektive diskutieren. Mein regionaler und epochaler Schwerpunkt erweitert das Spektrum der im SFB vertretenen Fächer und Disziplinen um die geschichtswissenschaftliche Erforschung Mitteleuropas in der Frühen Neuzeit. Ich arbeite an einem größeren Projekt zu den Regentschaften im Heiligen Römischen Reich in westeuropäischer Perspektive. Ziel ist es, die doppelte Isolierung der bisherigen Forschung zu durchbrechen und die Regentschaften von Frauen sowohl in territorialer als auch in geschlechtsspezifischer Hinsicht vergleichend zu untersuchen. Nur durch den territorialen Vergleich kann die regionale Spezifik bzw. die allgemeine, gesamteuropäische Bedeutung der jeweiligen territorialen Befunde erkannt werden. Zudem wird so ersichtlich, auf welche strukturellen oder akteursbedingten Gegebenheiten bestimmte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zurückzuführen sind. Darüber hinaus kann nur durch den geschlechtsspezifischen Vergleich eruiert werden, inwieweit das politische Handeln der Regentinnen Beschränkungen unterlag, die sich aus ihrem Geschlecht ergaben, oder ob andere, auch für Männer relevante strukturelle Bedingungen entscheidender waren.
 


Sie sprachen eingangs an, dass in der Wissenschaft die Suche nach den „großen Frauen“ der Geschichte bereits seit den 1970er Jahren in vollem Gange sei. Wie hat sich die Herangehensweise an das Thema ‚weibliche Herrschaftspartizipation‘ aus Ihrer Sicht innerhalb dieses langen Zeitraums gewandelt?

Die frühe Frauengeschichtsforschung hatte kompensatorischen Charakter, das heißt: Nach gut 150 Jahren männlich dominierter und auf Männer fixierter Geschichtsforschung wollten Historikerinnen zeigen, dass auch Frauen eine Geschichte haben und Teil der Geschichte sind. In diesem Zusammenhang entstanden wichtige biographische Arbeiten, wobei natürlich gerade auch Königinnen und Herrscherinnen als Pendants zu den männlichen Protagonisten, die bislang das Geschichtsbild prägten, in den Blick gerieten. Spätestens seit den 1990er Jahren hat sich die Frauengeschichtsforschung zur Geschlechtergeschichte weiterentwickelt, das heißt, es geht nun darum, den Faktor ‚Geschlecht‘ in den Lebensbezügen von Frauen und Männern sowie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern aufzudecken. Diese Herangehensweise prägt auch die Forschung zu weiblicher Herrschaftspartizipation. Die politische Teilhabe von Frauen wird mittlerweile nicht mehr als Ausnahmeerscheinung angesehen. Vielmehr erscheint sie im Rahmen des dynastischen Systems als gängiger Bestandteil der Herrschaftspraxis im vormodernen Europa. Entscheidend für diese neue Sichtweise ist neben der geschlechtergeschichtlichen Perspektive freilich auch ein gewandeltes Verständnis von Herrschaft. Diese wird nicht mehr als ‚One-Man-Show‘ verstanden, sondern als komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure, die sowohl auf institutionellem Wege, aber insbesondere auch informell an der Gestaltung von Politik partizipierten.
 


Als Laie könnte man beim Lesen Ihres Vortragstitels dem Irrtum aufsitzen, dass es sich um eine Mikrostudie handelt, die lediglich von regionalem Interesse ist. Sie konnten aber zeigen, dass die Herzöge aus dem Hause Kleve-Mark durch ihre Gemahlinnen zahlreiche Verbindungen zu auswärtigen Mächten hatten. Können Sie uns diese kurz umreißen? Wie beeinflussten diese Verbindungen den Stellenwert dieses Herzogtums innerhalb des Heiligen Römischen Reiches?

Das Heilige Römische Reich zeichnet sich durch unterschiedliche, eng miteinander verwobene Ebenen aus – Kaiser und Reich als übergreifende Struktur auf der einen und die Vielzahl unterschiedlich verfasster Reichsstände, die Territorien, auf der anderen Seite. Aufgrund der Verflechtung von Reich und Territorien sowie der Territorien untereinander lässt sich eine Regionalstudie nicht losgelöst vom größeren Kontext des Reiches durchführen, wie auch umgekehrt eine übergreifende Studie zum Reich immer auf die Ebene der Territorien verwiesen ist. Meine Untersuchung weiblicher Herrschaftspartizipation im Herzogtum Kleve nimmt zwar ein einzelnes Territorium bzw. mit den Vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve-Berg einen Territorienverbund in den Blick. Dieser war aber als Reichsstand Teil des Reiches sowie durch zahlreiche dynastische Heiraten und politische Allianzen mit unterschiedlichen Reichsterritorien verbunden. Weibliche Herrschaftspartizipation in Kleve spielte sich also immer auf einer regionalen, einer interterritorialen sowie der Reichsebene ab. Zudem war natürlich die europäische Bühne im Nordwesten des Reiches, dieser „Wetterecke der europäischen Politik“ (Volker Press), ebenfalls immer gegeben. Die dynastischen Heiraten der zahlreichen herzoglichen Töchter und Söhne zeigen diese Verflochtenheit von Regional-, Reichs- und europäischer Geschichte überdeutlich, begegnen doch neben den Reichsständen selbstverständlich auch Angehörige der europäischen Dynastien (etwa aus Burgund, Frankreich, Portugal, Spanien, England) sowie das Kaiserhaus als Heiratskandidaten. Aber auch im politischen Geschehen wird diese Verflechtung unterschiedlicher Ebenen deutlich. So hatten, um nur ein Beispiel zu nennen, der Kaiser und das Haus Habsburg aufgrund ihres burgundisch-niederländischen Erbes ein großes Interesse an einer politisch und konfessionell stabilen Lage im Nordwesten. Der erasmianisch geprägte Kurs der klevischen Herzöge, den konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts in ihrem Herrschaftsbereich durch eine ‚via media‘ zu begegnen, musste dementsprechend auf kaiserlichen Widerstand stoßen und führte in Verbindung mit dem klevisch-habsburgischen Streit um die Herrschaft im Herzogtum Geldern zum Krieg des Kaisers gegen Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg. Nach seiner Niederlage musste der Herzog 1543 nicht nur auf Geldern verzichten, sondern sich auch zum katholischen Glauben und zu seiner Bindung an den Kaiser bekennen. Besiegelt wurde diese Unterwerfung unter den Habsburger 1546 durch eine Heirat mit Maria von Österreich, einer Nichte Karls V. und Tochter des späteren Kaisers Ferdinand I.
 


Als Formen weiblicher Herrschaftsbeteiligung stellten Sie uns Teilhabe durch Heirat, informelle Teilhabe sowie eigenständige Herrschaft vor, wobei Sie beim letzten Punkt zwischen dem Äbtissinnenamt, fürstlicher Herrschaft kraft eigenen Rechts sowie Regentschaften unterschieden. Welchen Typ treffen wir im Herzogtum Kleve jener Jahre besonders häufig an? Gibt es auch Typen, die wir in Ihrem Untersuchungsraum vergeblich suchen?

Soweit ich sehe, hat keine Frau aus dem klevischen Herzogshaus die Position einer Reichsäbtissin, also als fürstengleiche Vorsteherin eines reichsunmittelbaren Klosters, vertreten. Gleiches gilt für die Herrschaft kraft eigenen Rechts als Erbin eines Fürstentums, die Frauen im Reich prinzipiell verwehrt war. Aufgrund einer speziellen Erbfolgeregelung wurde diese Form eigenständiger Herrschaft lediglich von Maria Theresia von Österreich als Erzherzogin von Österreich und Königin von Böhmen und Ungarn erlangt. Gleichwohl konnten Frauen für die Weitergabe von dynastischer Herrschaft entscheidend sein, nämlich immer dann, wenn ein männlicher Erbprinz fehlte. In diesem Fall ging die Herrschaft in der Regel an den Ehemann der ältesten Tochter oder einer anderen weiblichen Verwandten über. Für Kleve ergab sich diese Situation durch den kinderlosen Tod des letzten Herzogs Johann Wilhelm im Jahre 1609. Die Nachfolge in den Vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve-Berg war höchst umstritten und wurde schließlich zwischen Philipp von Ludwig von Pfalz-Neuburg, dem Mann von Johann Wilhelms Schwester Anna, und Johan Sigismund von Brandenburg, dem Mann von Johann Wilhelms Nichte Anna von Preußen, geteilt. Bevor es dazu kam, waren allerdings zwei klevische Herzoginnen viele Jahre intensiv in die Herrschaftsangelegenheiten der Vereinigten Herzogtümer involviert und übten zeitweilig die Regentschaft in dem niederrheinischen Territorienkomplex aus, nämlich die erste und die zweite Frau Johann Wilhelms, Jakobe von Baden und Antoinette von Lothringen.
 


Eine dieser beiden Frauen, Jakobe von Baden (gestorben 1597), führten Sie uns als einen besonderen Fall von Regentschaft vor, denn Johann Wilhelm, für den sie die Regierungsgeschäfte übernahm, war nicht minderjährig, sondern geisteskrank. Was wissen wir darüber, wie Jakobe mit dieser Situation umging?

Jakobe hat ganz im Sinne der gängigen Normen und Praktiken der Zeit versucht, die Regentschaft für ihren Mann zu übernehmen und für ihn die Regierungsgeschäfte zu führen. Damit geriet sie allerdings in Konflikt mit den herzoglichen Räten, die die Vereinigten Herzogtümer schon in den letzten Lebensjahren des Altherzogs Wilhelm V. mehr oder weniger im Alleingang regierten. Der Vater Johann Wilhelms war zwar nicht psychisch krank, aber doch durch zahlreiche Schlaganfälle seit den 1550er Jahren geschwächt und mit zunehmendem Alter immer weniger handlungsfähig. Jungherzog Johann Wilhelm und seine Frau Jakobe versuchten dementsprechend schon seit ihrer Heirat 1585, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Nach dem Tod Wilhelms V. und der sicheren Diagnose „melancholischer Schwachheit“‘ bei Johann Wilhelm verstärkte Jakobe diese Bemühungen. Sie versuchte durch unterschiedliche Allianzen gegen die Räte vorzugehen, scheiterte aber letztlich, wurde entmachtet, verhaftet, vor dem Kaiser angeklagt und schließlich – da sie auf dem ‚Rechtsweg‘ nicht auszuschalten war – ermordet.
 


Mit Blick auf die frauenfeindlichen Diskurse der Zeit stelle ich mir die Frage, ob das Aneignen männlicher Herrschaftssymbole und möglicherweise auch die Adaption eines vermeintlich ‚typisch männlichen‘ Verhaltens die einzigen Wege waren, um als Frau zu bestehen. Gab es neben aller Misogynie auch offene und vor allem überlieferte Wertschätzung ‚weiblicher‘ Herrschaft oder behielt sie stets einen defizitären Charakter?

Die betreffenden Frauen agierten nicht nur ‚männlich‘, das heißt im Rahmen ansonsten von Männern geprägter Verhaltensweisen, sondern nutzten zur Durchsetzung ihrer Herrschaft und ihrer politischen Ziele auch die Selbstinszenierung als Frau. Dazu gehörte etwa die Pflege weitausgreifender Korrespondenznetzwerke, die visuelle Selbstdarstellung als Ehefrau bzw. Witwe und Mutter sowie die Verwendung von weiblichen Topoi, Bescheidenheitsfloskeln und Unterwerfungsgesten in der Korrespondenz oder auch in der mündlichen Kommunikation. Misogyne Äußerungen zu weiblicher Herrschaftspartizipation finden sich im Reich und in Europa seit dem 16. Jahrhundert vor allem im übergreifenden staatstheoretischen Diskurs. Unabhängig davon konnten die Frauen und ihre Regierungstätigkeit in ihren jeweiligen Ländern durchaus erhebliches Ansehen erlangen, wie sich etwa in Leichenpredigten oder der Historiographie der betreffenden Dynastien und Territorien zeigt.
 

 

Herr Rutz, vielen Dank für das Gespräch!

 

Weiter geht es in der Ringvorlesung heute (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Prof. Dr. Konrad Vössing (Alte Geschichte) zum Thema „Der römische Kaiser wird zum Gott – eine Erfolgsgeschichte?“.

 


(17.07.2018)
 

Artikelaktionen