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Weise Könige und kluge Minister – Konzepte von Stellvertretung königlicher Herrschaft im mittelalterlichen Japan

Daniel F. Schley erläuterte Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) nach seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ die besondere Relevanz von Regenten im japanischen Mittelalter.

Ringvorlesung_Schley

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

 

Herr Schley, Sie sind assoziiertes Mitglied des SFB 1167, aufgrund Ihrer fachlichen Ausrichtung natürlich mit einer besonderen Anbindung zum Teilprojekt „Reproduktion von Eliten im japanischen Mittelalter durch Delegierung und Aufspaltung königlicher Herrschaft“ (Leitung: PD Dr. Detlev Taranczewski, Japanologie). Was verbindet Sie mit dem Gegenstand unseres Forschungsverbundes?

Eine ganze Menge. Ich sehe da viele Anknüpfungspunkte zu meinen Forschungsinteressen, die auch über den speziellen Zuschnitt des japanologischen Teilprojekts hinausgehen. Durch mein Studium der mittelalterlichen Geschichte Europas und meine eigenen Arbeiten zur Sakralität von Herrschaft an lateinischen und japanischen Quellenbeispielen fühle ich mich im SFB 1167 bestens aufgehoben. Derzeit arbeite ich besonders zu den Formen der Geschichtsschreibung in Japan während des 10. bis 13. Jahrhunderts. Auch hierzu habe ich bereits hinsichtlich der Quellenanalyse Anschluss an andere Teilprojekte finden können, wie u.a. zu dem Teilprojekt von Elke Brüggen zur „Kaiserchronik“.

Durch Ihren Vortrag habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Bedeutung des Königsamts (Tennôtums) in Japan seit dem 9. Jahrhundert deutlich abgenommen hat, und dass die eigentliche Entscheidungsgewalt bei den Regenten/Stellvertretern lag, die zu so etwas wie „Mitkönigen“ werden konnten. Ist das zu holzschnittartig gedacht?

Gewöhnlich beschreibt die Japanologie die Herrscher Japans ab dem 9. Jahrhundert als politisch zunehmend bedeutungslos, dafür aber v.a. religiös durch eine besondere Autorität und Würde hervorgehoben, die ihre Kontinuität bis zur Moderne sicherte. Diese Art von Wahrnehmung der Herrschaftsverhältnisse ist jedoch vielmehr das Ergebnis einer tendenziösen Geschichtsschreibung, der es gerade darum ging, die Interessen der tatsächlich politisch aktiven Machthaber zu begünstigen. Ich denke hier an erster Stelle an die Fujiwara-Regenten oder aber später die Schogune. Allerdings ist das Modell einer personalen Aufteilung von Formen passiver und aktiver Herrschaft nicht erst im 9. Jahrhundert durch die Fujiwara entstanden. Dafür finden sich bereits Ansätze in den Gründungsdokumenten der „Tennō“-Herrschaft aus dem späten 7. und frühen 8. Jahrhundert, also der Zeit, in der die bis in das 19. Jahrhundert formal fortbestehende höfische Herrschaftsorganisation entstand. Die Mythohistorien des frühen 8. Jahrhunderts (Kojiki, „Aufzeichnungen alter Begebenheiten“, vollendet 712, Nihon shoki, „Chronik Japans“, vollendet 720) setzen die „himmlischen Herrscher“ (Tennō oder sumeramikoto) an oberste Stelle. Auf sie ist das ganze historische Narrativ hin ausgerichtet und nur die Gruppen von Menschen und Gottheiten sind bedeutsam, die zu den Tennō in Verbindung stehen. Ganz konkret war es Tenmu, der nach seinem Sieg im Thronfolgekrieg 672 (Jinshin no ran) gegen seinen Neffen Ōtomo als Sieger hervorging und die politischen Verhältnisse neu ordnete. Er und seine Nachfolger, darunter seine Gemahlin Jitō, schufen die Grundlagen des „Tennō-Königtums“ (wenn man es so nennen möchte) in Japan. Souveränität war in diesem Modell auch durch die Beauftragung anderer ausgezeichnet. Darin mag man ein Zugeständnis Jitōs und ihrer Nachfolgerinnen an die einflussreichen Sippen sehen, ohne die nach Tenmus Tod eine weitere Zentralisierung der Herrschaft nach chinesischem Modell wohl nicht möglich gewesen wäre.

Welche Rolle spielte für diese Entwicklung die von Ihnen angesprochene Adelsfamilie der Fujiwara? Wodurch konnte sie so einflussreich werden?

Diese Adelsfamilie war mit anderen schon seit dem späten 7. Jahrhundert Teil der Herrschaftselite. Rückschläge durch politische Intrigen, Todesfälle und andere ungünstige Umstände gaben bis Anfang des 9. Jahrhunderts auch anderen Geschlechtern die Möglichkeit, engere Beziehungen zu den Herrschern aufzubauen. Es war dann das besondere Einvernehmen zwischen dem Herrscher Saga (reg. 809–823) und Fujiwara no Fuyutsugu, auf dem Fuyutsugus Kinder und Enkel aufbauen konnten. Erst jetzt gelang es den Fujiwara, sich über die Heiratsbeziehungen von Fujiwara-Töchtern und Herrschersöhnen ihre günstige Stellung in der Nähe des Throns zu sichern, solange eben Töchter verfügbar waren, die entsprechend für männliche Thronfolger sorgten. Die Großväter der jungen Erben kümmerten sich dann darum, ihre Enkel schnellstmöglich auf den Thron zu bringen, um somit für eine ganze Reihe Kindkönige große Teile der Regierung zu übernehmen. Auch an den dafür eigentlich vorgesehenen Ämtern vorbei, die nur durch Erlasse und Bestimmungen der amtierenden Könige funktionierten. Als Fujiwara no Yorimichi im späten 11. Jahrhundert dieses biologische Glück versagt blieb, gelangte mit Gosanjō (reg. 1068–1073) ein Herrscher auf den Thron, der seit langem wieder unabhängig regieren konnte.

Für den eigentlichen König, den Tennô, scheint in einem solchen System lediglich eine legitimierende Funktion übrig geblieben zu sein. Zugleich wussten Sie von einer oftmals gesteigerten religiösen Bedeutung der formalen Herrscher zu berichten. Wie kann man sich das vorstellen?

Wie gerade angesprochen verlagerte sich der Schwerpunkt herrscherlichen Handelns ins Private. Auf Banketten etwa bot die Anwesenheit des Herrschers den Beamten der Ministerien Gelegenheiten, ihre personellen Beziehungen zu fördern. An die Stelle der Tennō traten die Fujiwara und dominierten die Zugänge zum Herrscher. Alle Kommunikation, seien es offizielle wie persönliche Angelegenheiten, konnte nur schwer an den Regenten vorbei direkt an die „himmlischen Herrscher“ gerichtet werden. War in dieser Weise der politische Spielraum der Tennō eingeschränkt, heißt es in der Forschung oft, dass sie stattdessen eine erhöhte religiöse Stellung erhielten, die ihre Autorität und damit ihre Funktion zur Legitimierung und Bewahrung der politischen Ordnung garantiert haben soll.
Richtig ist, dass ab Ende des 10. Jahrhunderts religiöse Aufgaben und Vorschriften zunahmen. Die Herrscher verrichteten täglich Gebete in ihren Privatgemächern für das Wohlergehen des Landes und bestellten buddhistische Priester für Schutz- und Segenszeremonien. Sie arrangierten Sutrenlesungen, befahlen Gaben an Schreine und Tempel und suchten die übermenschlichen Mächte im Fall von Naturkatastrophen oder anderem Unglück zu besänftigen. Zugleich waren sie vermehrt religiösen Tabus unterworfen, die ihre politische Handlungsfähigkeit weiter einschränkten. An alledem hatten die Fujiwara einen großen Anteil, ohne auszuschließen, dass diese Entwicklung auch generell die religiöse Grundausrichtung der Zeit wiederspiegelt. Man verstand seine Umgebung und Erfahrungen vor allem durch buddhistische Deutungen und folgte in vielen alltäglichen Verrichtungen Vorschriften und Überzeugungen, die nach heutigem Verständnis religiös zu nennen sind. Eine Trennung politischer und religiöser Interessen ist eben zu modern gedacht und alle Politik war immer zugleich (in Teilen) religiös (wenn auch nicht umgekehrt). Deshalb geht das (hier zugegeben verkürzt wiedergegebene) Schema einer Steigerung religiöser Autorität zum Ausgleich geschwächter Macht nicht gut auf.

Mich treibt die Frage um, wodurch die zum Teil vernichtenden Beurteilungen amtierender Herrscher – Yōzei (869–949) galt als verrückt, Kazan (968–1008) zumindest als eigenwillig – im vormodernen Japan „sagbar“ wurden: Schließlich sollten diese Personen ja immer noch als religiöse Autoritäten dienen und dadurch zur Legitimation ihrer Stellvertreter beitragen.

Es kam für die Fujiwara nur darauf an, welche Herrscher auf dem Thron saßen. Je nach Verwandtschaftsbeziehung wechselten die Regenten. Yōzei, mehr aber noch Kazan (u.a.), waren die Opfer Fujiwara-interner Machtkämpfe. Michikane bemühte sich, Kazan schnell zum Rücktritt zu bewegen, damit sein Vater Kaneie für den königlichen Nachfolger ichijō Regent werden konnte. Später, so die Rechnung Michikanes, die zumindest für „sieben Tage“ aufging (er starb, kaum in Amt und Würden), würde er selbst den begehrten Posten übernehmen. Das heißt mit anderen Worten, die individuellen Thronfolger wurden mehr und mehr austauschbare Platzhalter für die Interessen ihrer Stellvertreter oder „Mitkönige“, wohingegen der Thron selbst, die Thronfolge seit göttlichem Urbeginn in mythischer Vorzeit, unangetastet blieb. Amt und Träger wurden zunehmend unabhängig voneinander betrachtet und es war die Würde des Throns, in offiziellen Erlassen der Herrscher, die Rechtmäßigkeit garantierte – unabhängig von der individuellen Eignung der Amtsträger.
Die Fujiwara beschrieben daher einzelne, ihnen unliebsame Herrscher als ungeeignet und rechtfertigten durch die von mir im Vortrag gebrachten Beispiele Absetzungen und Nachfolgeregelungen. Weder Yōzei noch Kazan waren die üblen Gewalttäter oder exzentrischen Sonderlinge, zu denen sie die historischen Erzählungen nachträglich machten. Sie waren es sicher nicht mehr als andere Herrscher, von denen solche Überlieferungen nicht erhalten sind, weil sie eher den Fujiwara-Interessen dienten. Das ist zumindest einer der Gründe für solche Episoden. Die üblichen historischen Darstellungen auf Japanisch, und solche der Japanologie, gehen auf diese Tendenzen der Geschichtsüberlieferung allerdings kaum ein. Im Wechselspiel von Fakten und Fiktionen in der Historiographie ist in der Japanforschung noch einiges zu leisten. Ansätze gibt es hierzu besonders von Kuramoto Kazuhiro, der sich auf die „faktual“ erzählenden Quellen (höfische Tagebücher) spezialisiert hat.

Erzählen Sie uns zum Schluss doch bitte noch etwas zu den beiden Quellen, die sie in den Mittelpunkt Ihres Vortrags gerückt haben, das „Kojidan“ und das „Nihon shoki“. Um was für Texte handelt es sich und wie ist ihre Zuverlässigkeit zu bewerten? Sie deuteten an, dass die japanologische Geschichtsforschung hier oft andere Urteile fällt als die japanische…

Die Chronik Japans gehört zusammen mit dem Kojiki zur ältesten überlieferten Geschichtsschreibung. Vollendet im Jahr 720 erzählt die Chronik von der göttlichen Herkunft des Herrschergeschlechtes und der mit ihm verbundenen Sippen. Sie beginnt mit der mythischen Erschaffung des Inselreiches und der Erzeugung verschiedener Gottheiten, deren Funktion darin besteht, die Herrschaft der ab dem späten 7. Jahrhundert herrschenden Elite zu legitimieren. Zuverlässig wird die „Chronik“ erst in den letzten Abschnitten zum 7. Jahrhundert, wohingegen die Herrscherlisten und Geschichten zuvor mehr oder weniger eindeutig den Mythen und Fabeln zuzurechnen sind. Aber auch die Einträge zu der unmittelbaren Vergangenheit des Nihon shoki sind, wie dies für jede Geschichtsschreibung in unterschiedlicher Intensität zutrifft, tendenziös gestaltet. Quellenvergleiche für die älteren Epochen der japanischen Geschichte sind mit chinesischen Chroniken und archäologischen Funden in Japan und auf der koreanischen Halbinsel möglich, die dabei helfen, ein ausbalanciertes Bild von den Machtkämpfen dieser Zeit zu erhalten. Gleichwohl bleibt man auf viele Spekulationen angewiesen. Schaue ich mir auch aktuelle Veröffentlichungen der Japanologie an, so stoße ich immer wieder auf kritiklose Übernahmen der Nihon shoki-Perspektive für das 7. Jahrhundert, weil man diesen Zeitraum für weitgehend verlässlich (wenngleich unter den politischen Interessen Tenmus und seiner Nachfolger/innen gestaltet) hält. So einfach ist es aber eben nicht und ich freue mich deshalb, durch die spezifisch historische Ausrichtung des SFB die Gelegenheit zu haben, in meiner Lehre die frühen Epochen der Geschichte Japans aufzugreifen, was sonst meist viel zu kurz kommt.
Abschließend noch kurz ein Wort zum Kojidan. Dieses bietet eine ganz andere Art der Vergangenheitsvermittlung. Vier Jahrhunderte nach dem Nihon shoki verfasst, gehört es zu den Sammlungen unterhaltender Erzählungen und hat gar nicht den Anspruch, eine offizielle Geschichte zu präsentieren. Die einzelnen Episoden stammen aus älteren Sammlungen, höfischen Überlieferungen oder sind Tagebüchern entnommen, die daher für die Zeitgenossen nicht prinzipiell fiktional waren. Auch viele für uns heute sonderbare Erzählungen vom wundersamen Eingreifen buddhistischer Wesen, das Auftauchen daoistischer Heiliger oder die Wirkung rächender Geister politischer Verlierer besaßen für die Menschen im 13. Jahrhundert Relevanz und spiegelten einen Teil ihrer Wirklichkeit wieder. Ziel im Kojidan ist nicht die Legitimation der Herrscherelite (Könige, Regenten, Krieger), sondern Unterhaltung, Belehrung, religiöse Unterweisung oder Zeitkommentar.

Herr Schley, haben Sie ganz herzlichen Dank für diese interessanten Einblicke in die japanische Geschichte!

Weiter geht es in der Ringvorlesung am 3. Juli 2018 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von PD Dr. Andreas Rutz (Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte) zum Thema „Weibliche Herrschaftspartizipation im Heiligen Römischen Reich. Die Herzoginnen von Kleve vom 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert“.

 

(21.06.2018)

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