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Konflikt-‚Management‘ am Kaiserhof der Westlichen Han: Die Debatte über die Militär- und Wirtschaftspolitik des Han Wudi (reg. 141–87 v. Chr.)

Nach dem sinologischen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ sprach Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) mit Prof. Dr. Christian Schwermann von der Universität Bochum.

Ringvorlesung_Schwermann

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

Herr Schwermann, Sie haben seit Oktober 2016 den Lehrstuhl für Sprache und Literatur Chinas an der Ruhr-Universität Bochum inne, waren davor aber lange in Bonn tätig und leiten im hiesigen SFB 1167 das Teilprojekt „Herrschaftssicherung durch Konsensorientierung: Die Institutionalisierung von Kritik in China von der Antike bis in die frühe Kaiserzeit“. Ist das begriffliche Äquivalent zu ‚Konsens‘ im Chinesischen ähnlich positiv konnotiert wie der deutsche Terminus?

Das kommt darauf an, welchen Ausdruck wir wählen. Im Klassischen Chinesisch gibt es zwei Termini, die den Konsensbegriff abdecken – man könnte sagen, guten und schlechten Konsens. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bedeutung und Konnotation. Der eine bezeichnet die Harmonie, das heißt eine Übereinkunft, die aus konstruktivem und produktivem Dissens hervorgeht – man ist unterschiedlicher Meinung, diskutiert darüber und einigt sich dann. Der andere entspricht unserem Verständnis von Konformismus: die Beratung vor einer herrscherlichen Entscheidung fällt weg, und die Großen stimmen ihr ohne innere Überzeugung und ohne vorangehende Diskussion zu. In der antiken chinesischen Herrschaftstheorie und Geschichtsschreibung ist diese Form von Konsens eindeutig negativ konnotiert.


Trotz dieser begrifflichen Tücken beziehen Sie sich auf das von Bernd Schneidmüller entwickelte und von Steffen Patzold erweiterte Konzept der „konsensualen Herrschaft“. Sehen Sie eine gewisse strukturelle Verwandtschaft zwischen dem frühen chinesischen Kaiserreich und dem europäischen Mittelalter?

Ja, da gibt es sehr interessante Parallelen. In beiden Fällen lag monarchischer Herrschaft ein Drei-Stufen-Modell des Entscheidens mit den Phasen des Beratens, Entscheidens und Reagierens zugrunde. Idealerweise wurden Meinungsverschiedenheiten im Vorfeld, das heißt in der Phase der Beratung, ausgeräumt. Die Konsenserwartung aller Beteiligten sorgte dafür, dass die herrscherliche Entscheidung am Ende die Zustimmung der Großen fand bzw. – in China – mit dem Gehorsam der Großen beantwortet wurde. Das heißt, hüben wie drüben wollte man Konfliktkosten möglichst klein halten, indem man vermied, Konflikte in der dritten Phase auszutragen, in der sie oft nicht mehr mit den vorhandenen institutionellen Ressourcen eingehegt werden und nur noch durch Machteingriffe beendet werden konnten.


Sie haben ausgeführt, dass chinesische Kaiser in Ihrem Untersuchungszeitraum kaum als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen, sondern stattdessen in bestimmte „Schubladen“ gesteckt wurden, je nachdem, ob ihre Herrschaft von der Nachwelt positiv oder negativ bewertet wurde. Diese Urteile fanden dann in guten bzw. schlechten kanonischen Namen ihren Ausdruck. Könnten Sie uns den Namen ‚Han Wudi‘ vor diesem Hintergrund noch einmal erläutern?

Han Wudi ist die Kurzform des kanonischen Namens und Titels dieses Herrschers. Vollständig lauten diese: Han Xiaowu Huangdi, „Der Pietätvolle und Kriegerische Erhabene Gottkaiser der Han“. Unter diesem Namen und Titel firmiert der Mann, der eigentlich Liu Che hieß und das Han-Reich von 141 bis 87 v. Chr. regierte, in den Traditionsquellen. Kanonische Namen wurden posthum vergeben und charakterisierten die Regierung eines Monarchen, bildeten also letztlich ein abschließendes und bleibendes Urteil über dessen Politik. Entsprechend gab es gute und schlechte kanonische Namen. Wu ist kein schlechter Name, steht aber sicherlich in einem bewusst gesetzten Gegensatz zu dem des Großvaters und Vorvorgängers von Wudi. Das war Xiaowen Huangdi, der „Pietätvolle und Kultivierte bzw. Zivilisierte Erhabene Gottkaiser“. Er hieß eigentlich Liu Heng und regierte von 180 bis 157 v. Chr. In einer antiken Anleitung zur Vergabe kanonischer Namen heißt es unter anderem zum Namen Wen: „Wer hingabevoll und gütig war und das Volk schonte heißt Wen.“ Hingegen zu Wu: „Wer hart, unnachgiebig und prinzipienfest war heißt Wu.“ Oder auch: „Wer das Volk bestrafte und [seine Widersacher] unterwarf heißt Wu.“


Ihr Vortrag sowie weitere Beiträge aus der bisherigen Arbeit Ihres Teilprojekts erwecken den Eindruck, dass das chinesische Kaiserreich sehr „transpersonal“ angelegt gewesen ist, Verwaltungsstrukturen letztlich also wichtiger für das Gelingen einer Herrschaft waren als die einzelnen Herrschergestalten. Können Sie diese Vermutung bestätigen?

Schon die antiken Herrschaftstheoretiker gingen vom Regelfall des durchschnittlichen Herrschers aus, das heißt, von dem des mittelmäßig bis schwach zum Regieren begabten bzw. motivierten Dynasten. Deshalb hatten sie das Modell einer meritokratischen Zentralverwaltung entwickelt, die den Monarchen nicht nur entlastete, sondern tendenziell auf seine zeremoniellen Funktionen reduzierte. Von dieser Sicherheitsvorkehrung versprach man sich institutionelle und dynastische Kontinuität oder eternal empire, wie es der israelische Sinologe Yuri Pines in seiner einschlägigen Studie zur Ideologie des frühen Kaiserreichs nennt („Envisioning Eternal Empire: Chinese Political Thought of the Warring States Era“, Honolulu 2009). Zugleich wünschten sich die Führungsbeamten natürlich einen schwachen und formbaren Herrscher, den sie jederzeit nach ihren politischen Vorstellungen beeinflussen konnten – einen Erfüllungsgehilfen, der das dekretierte, was sie ihm diktierten.


Mit Han Wudi haben Sie uns allerdings nichtsdestotrotz eine herausragende Persönlichkeit vorgestellt, schon allein, weil seine Regierungszeit mit sage und schreibe 54 Jahren außergewöhnlich lang gewesen ist. Gab es in der Geschichte Chinas andere Kaiser, die sich ähnlich lange halten konnten? Lässt sich Han Wudis „Erfolgsgeheimnis“ mit wenigen Worten auf den Punkt bringen? Sie haben ja angedeutet, dass mächtige Herrscher wie er eher eine Ausnahme als die Regel darstellten…

Sein Erfolgsgeheimnis bestand wohl darin, dass er als junger Mann die Anschläge der alten Machteliten auf seine Person überlebte und mit einem hohen Alter und großer Durchsetzungsfähigkeit gesegnet war. In den zwei Jahrtausenden, die das chinesische Kaiserreich Bestand hatte, gab es nur zwei Kaiser, die länger regierten, nämlich den Kangxi-Kaiser, der von 1661 bis 1722 über das Qing-Reich herrschte, und dessen Enkel, den Qianlong-Kaiser, der von 1735 bis 1796 regierte. Die Frage ist allerdings, ob Han Wudi auch ein erfolgreicher Kaiser war. Nach konventionellen Maßstäben – das heißt, wenn man historische Größe an der Größe der entfalteten Macht, am Umfang der eroberten Territorien oder an der Tragweite der Entscheidungen messen will – war er das wohl. Das Reich der Han erreichte unter ihm seine bis dato größte Ausdehnung. Es erstreckte sich im Süden bis ins heutige Vietnam, im Nordosten bis ins heutige Korea und im Nordwesten bis weit nach Zentralasien ins heutige Kirgisistan. Sogar das Ferghana-Tal stand zeitweilig unter seiner Kontrolle. Aber das historische Urteil der antiken Geschichtsschreiber ist zweischneidig – und das schon zu Lebzeiten des Han Wudi. Man warf ihm vor, auf Kosten des Volkswohls regiert zu haben und seine persönlichen Ambitionen verfolgt zu haben, statt das Bestehende zu sichern, nachhaltig und ressourcenschonend zu wirtschaften und für eine gerechte Verteilung des Wohlstandes zu sorgen. In einem Fürstenspiegel des frühen ersten Jahrhunderts n.Chr. heißt es abschließend über ihn: „So einen mag man intelligent und doch beschränkt nennen.“ Das erinnert ein wenig an das Urteil, das Deng Xiaoping über Mao Zedong fällte: „siebzig Prozent gut, dreißig Prozent schlecht“.

 

Schade, dass der dazugehörige „Rechenweg“ nicht überliefert ist, aber Ihnen ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Weiter geht es in der Ringvorlesung am 19. Dezember 2017 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Prof. Dr. Dittmar Dahlmann und Dr. Diana Ordubadi über „Die ‚Zeit der Wirren‘ und die Moskauer Selbstherrscher (1598–1613)“.
 

(13.12.2017)

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