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Tibet im 18. Jahrhundert: Wo lag die Macht und wer war der Herrscher?

Nach seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ sprach Peter Schwieger mit Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) über das Zusammenspiel von sakraler und säkularer Herrschaft in Tibet.

Ringvorlesung_Schwieger

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

Herr Schwieger, vor Ihrem Vortrag hatte ich den Impuls, bei beiden im Titel gestellten Fragen zunächst auf den Dalai Lama zu verweisen. Wie richtig oder falsch lag ich damit aus Ihrer Sicht?

Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Der Dalai Lama wurde ab der Mitte des 17. Jahrhunderts als Herrscher Tibets vorgestellt. Er bildete die Klammer, die die verschiedenen im Vortrag angesprochenen Differenzen zu einer Einheit verband. Macht und Herrschaftsausübung lagen jedoch nicht allein in seinen Händen, sondern waren auf verschiedene Akteure verteilt. Diese Verteilung wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach grundlegend verändert.
 


Wie kann man sich im 18. Jahrhundert das Verhältnis von tibetischer, sakraler Herrschaft und säkularer Fremdherrschaft im Einzelnen vorstellen? Galt hier stets der von Ihnen angesprochene Primat der Religion?

Von Beginn an stützte sich die sakrale Herrschaft Tibets auf das militärische Potential fremder Herrscher. Wurde das Potential zunächst von einem Zweig der Westmongolen bereitgestellt, so war es dann ab 1720 die von den Mandschus in China begründete Qing-Dynastie, die mit ihren Truppen die tibetische Herrschaft stabilisierte. Dieses Bündnis war für beide Seiten von Vorteil und muss im Kontext der großen innerasiatischen Auseinandersetzungen des 17. und 18. Jahrhunderts gesehen werden. Es stellte in keiner Phase den Primat der Religion in Tibet in Frage. Schutz und Förderung der buddhistischen Religion in Tibet lieferten nicht nur die Begründung für fremden Einfluss auf die tibetische Herrschaft und für ihre Kontrolle, sondern waren auch ein Schlüssel im Kampf um die Herrschaft über die mongolischen Völkerschaften Innerasiens.
 


1721 wurde in Tibet ein Ministerrat installiert. Was wissen wir über dessen Zusammensetzung und Aufgaben? Wie veränderte sich durch ihn die Rolle des Dalai Lama?

Der Ministerrat bestand zunächst aus drei und bald aus fünf Ministern. Sie entstammten dem Adel und repräsentierten die verschiedenen Provinzen Zentral- und Westtibets. Ihnen waren keine spezifischen Zuständigkeitsbereiche zugeordnet. Zwar hatte der Vertreter Westtibets im Ministerrat eine schwach ausgeprägte Führungsrolle inne, doch erwartete der Kaiser, dass die Minister die Angelegenheiten Tibets kollegial und einvernehmlich lenken würden. Die Installierung eines Ministerrats bedeutete eine Stärkung des tibetischen Adels gegenüber dem Klerus und eine vorübergehende Entpolitisierung der Rolle des Dalai Lama. Als Repräsentant der tibetischen Herrschaft und die Gesellschaft einigendes Band wurde der Dalai Lama jedoch nach wie vor für unverzichtbar angesehen. Die weitgehende Entpolitisierung der Rolle des Dalai Lama währte nur bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Danach wurde die politische Entscheidungsgewalt des Dalai Lama erneut gestärkt.
 


Sie haben formuliert, dass der Herrscher zwar über dem Recht gestanden habe, aber dennoch darauf Rücksicht nehmen musste. Hatten demnach andere Personen stellvertretend die Konsequenzen für herrscherliches Fehlverhalten zu tragen?

Als sakraler Herrscher war der Dalai Lama unantastbar. Sein Handeln galt als von Weisheit und Wohlwollen gegenüber allen Lebewesen getragen. Dies bedeutet nicht, dass er willkürlich regieren konnte. Das tibetische Recht war in großen Teilen durch Urkunden verbrieftes Recht, an das sich auch der Herrscher zu halten hatte, solange einem Inhaber von Privilegien keine schwerwiegenden Fehler bei der Erfüllung seiner Verpflichtungen nachgewiesen werden konnten. Dass der Herrscher über dem Recht stand, bedeutete in der Tat, dass vor allem Stellvertreter, Berater oder ihm untergeordnete Amtsträger für herrscherliches Fehlverhalten verantwortlich gemacht wurden. Darüber hinaus konnte sich Kritik am Herrscher allenfalls durch Zweifel an der Echtheit seines Reinkarnationsstatus äußern. Eine solche Kritik ist in Bezug auf den sechsten Dalai Lama geäußert worden, doch wurden diese Zweifel nur von außerhalb der tibetischen Gesellschaft geäußert.
 


In Ihrem Teilprojekt im Rahmen des SFB 1167, „Zentrum oder Peripherie: Herrschaft zwischen gedachter und realer Ordnung in tibetischen Gesellschaften am Beispiel der Namgyal-Dynastie Ladakhs (16.–19. Jh.)“ geht es um eine Region, die heute zu Indien gehört und die Sie bereits spätestens seit Ihrer Habilitationsschrift beschäftigt. Was fasziniert Sie an Ladakh?

Seit dem 13. Jahrhundert existierten auf dem tibetischen Plateau zwei konkurrierende Modelle von Herrschaft: Hierokratie und Königsherrschaft. In Ladakh währte die Königsherrschaft bis ins 19. Jahrhundert. Da beide Formen im selben Raum und im selben weltanschaulichen Bezugsrahmen existierten, bildeten sich enge Beziehungen heraus, die sowohl Konflikt- als auch Konsenspotential bargen. Das Nebeneinander beider Herrschaftsformen sowie die vielfältigen historischen Beziehungen bieten daher interessante Fragestellungen und regen zu vergleichenden Untersuchungen an. Ganz allgemein jedoch haben Menschen, Kultur und Landschaft des tibetischen Hochplateaus auf mich stets eine besondere Faszination ausgeübt. Und Ladakh ist einfach ein Teil dieser vielfältigen Welt.

 

Wir freuen uns, dass Sie uns diese Welt vorstellen – vielen Dank für das Gespräch!

 

Weiter geht es in der Ringvorlesung heute (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Prof. Dr. Jan Bemmann (Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie) zum Thema „Erosion der Herrschaft: Instabilität, Krisen und Untergang nomadischer Reiche in Innerasien“.

 

(10.07.2018)

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