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Spieglein, Spieglein... Bilder von Königinnen auf Siegeln und Münzen

Prof. Dr. Andrea Stieldorf schilderte Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit) im Anschluss an ihren Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“, was für sie den Reiz einer Beschäftigung mit Objektquellen ausmacht.

Ringvorlesung_Stieldorf

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

 

Frau Stieldorf, in Proseminar-Klausuren sind Fragen zur Diplomatik (Urkundenlehre) bei Studierenden der Mittelalterlichen Geschichte ungefähr so „beliebt“ wie die Figur der bösen Stiefmutter in „Schneewittchen“. Was hat Sie dazu veranlasst, sich den Herausforderungen der Historischen Grundwissenschaften zu stellen und aus dieser Disziplin sogar Ihren Beruf zu machen? Was fasziniert Sie an Siegeln und Münzen?

Das Schöne an den Historischen Grundwissenschaften ist, dass sich die Beschäftigung mit (Original-)Quellen nicht vermeiden lässt. Das ist einerseits eine methodische Herausforderung, andererseits aber auch ein materiell greifbarer Zugang zur Geschichte. Die intensive Beschäftigung sowohl mit Urkunden, mit Siegeln, Münzen und auch mit Wappen ist zudem ein wichtiger Hebel, liebgewordene Narrative der Geschichtswissenschaft zu hinterfragen und neue Fragestellungen zu genieren bzw. ergänzende und zum Teil auch korrigierende Beobachtungen zu laufenden Forschungsdiskussionen zu gewinnen. Die Siegel und Münzen mit dem Bild von Königinnen sind da nur ein Beispiel. Sieht man sich z.B. Stadtdarstellungen auf Münzen und Siegeln im Vergleich an, stellt man fest, dass Abbildungen einer ummauerten Stadt mit Türmen ursprünglich ein Zeichen für die Herrschaft über eine Stadt waren, und erst während des 13./14. Jahrhunderts zu Zeichen der städtischen Selbständigkeit wurden.


Über den ästhetischen Wert der von Ihnen vorgestellten Siegel und Münzen brauchen wir nicht zu diskutieren, die Detailverliebtheit einiger Darstellungen ist außergewöhnlich. Mich würde allerdings interessieren, wie Sie in Ihrem Teilprojekt „Bilder vom König. Macht und Herrschaft der ostfränkisch-deutschen Könige im Siegel- und Münzbild (936–1250)“ aus einzelnen Attributen wie einem Reichsapfel oder einem Vogel Rückschlüsse auf das zugrundeliegende Selbstverständnis ziehen wollen. Hätten Sie dafür ein Beispiel?

Percy Ernst Schramm hat eindrücklich darauf hingewiesen, dass Bilder und auch einzelne Bestandteile davon immer vor dem jeweiligen historischen und medialen Kontext zu analysieren sind. Insofern kann es vorkommen, dass ein Attribut auf unterschiedlichen Bildern auch unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann – mal ganz abgesehen davon, dass die meisten dieser Attribute, wie etwa die Lilie, eine derartig komplexe Symbolik aufweisen, dass es schwierig ist, die passende Bedeutung auszuwählen. Wobei die Frage ist, ob man das tun muss, denn ich bin der Überzeugung, dass die Schaffer der Bildnisse diese Vielschichtigkeit ganz bewusst einsetzen, um eine Komplexität der Deutung zu erzeugen. Bei Münzen und besonders bei den Siegeln muss man bei der Interpretation der Bilder den rechtlichen Kontext berücksichtigen, was z.B. erklärt, warum der Falke bei den Siegeln nur auf denen der weltlichen Frauen vorkommt – er ist als Anspielung auf Teilhabe an der gehobenen höfischen Kultur zu verstehen, nicht aber als Amtssymbol, weswegen er auf den Siegeln hochadeliger Männer nur dann vorkommt, wenn der entsprechende Siegelführer ein sogenannter Jungherr war, also noch nicht die Nachfolge seines Vaters als Graf oder Herzog angetreten hatte. Dieser nämlich ließ sich gerüstet auf einem galoppierenden Pferd in den Kampf reitend darstellen, wobei er ein gezücktes Schwert als Rechtssymbol in der Hand hielt.


Sie haben erwähnt, dass ein weiblicher Anteil an der Königsherrschaft zwar unverzichtbar gewesen sei, Herrscherinnen in der Regel allerdings lediglich als ein „Attribut des Herrschers“ aufgefasst worden seien. Gibt es Gegenbeispiele, bei denen keine Abstufung stattfindet, also eine Art Gleichrangigkeit des Herrscherpaares anzunehmen ist?

Mittelalterliche Ordnungsvorstellungen sehen die Gleichrangigkeit von Mann und Frau nicht vor, auch nicht bei Königen und Königinnen. Insofern erklärt sich, dass die Herrscherpaardarstellungen auf Münzen und auch die Siegel von König und Königin zusammengenommen hier mit Nuancen arbeiten, die zwar beiden den königlichen Rang zuerkennen, aber dem Mann den Vor-Rang zubilligen. Dass Königinnen aber überhaupt eine derart prominente Stellung im Rahmen der herrschaftlichen Repräsentation einnahmen, zeigt, dass eine Königsherrschaft ohne Königin nicht denkbar war.

 

Siegel_Herrscherpaardarstellung

Beispiel für eine Herrscherpaardarstellung aus dem 12. Jahrhundert: Friedrich I. Barbarossa mit Reichsapfel rechts und seine Gemahlin Beatrix mit Lilienzepter links. © Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objektnummer 18201203.


In Ihrem Vortrag haben Sie den Untersuchungsgegenstand Ihres Teilprojekts in einen größeren geographischen Kontext gestellt und unter anderem auch zahlreiche Beispiele aus dem englischen und französischen Raum präsentiert. Überwiegen bei einer solchen vergleichenden Perspektive der Darstellungsformen aus Ihrer Sicht eher Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen diesen Regionen?

Ich würde sagen, das hält sich die Waage. Es gibt mit dem weitverbreiteten (stehenden) Bildnis der bekrönten Königinnen, die zu einem großen Teil ein Zepter in der Hand halten, eine höchst auffällige Gemeinsamkeit, die auf ein in vielen Ländern anzutreffendes Konzept der Aufgaben einer Königin im Rahmen der Königsherrschaft schließen lässt. Anderseits gibt es Abweichungen im Großen, wie das Thronsiegel der römisch-deutschen Herrscherinnen, oder im Kleinen, wie bei der Verwendung der Insignien, die auf spezifische Bedürfnisse verweisen, denen aber eben auch Rechnung getragen werden kann.


Sowohl Siegel als auch Münzen waren auf einen hohen Wiedererkennungseffekt angewiesen. Veränderten diese beiden Bildträger ihr Erscheinungsbild also insgesamt eher selten?

Siegelbilder sind aufgrund der rechtlichen Funktion der Siegel als visuelle und materielle Stellvertreter für den Siegelführer in ihrer Gestaltung deutlich konservativer als Münzbilder, weil sie auf den Wiedererkennungseffekt zur Erzeugung von Authentizität geradezu angewiesen sind. Die Münzen besonders seit der Mitte des 11. Jahrhunderts boten zumindest im römischen-deutschen Reich den vielen unterschiedlichen Münzherren (Könige, Bischöfe, Äbte, Äbtissinnen, Herzöge, Grafen usw.) die Möglichkeit, eine Vielzahl von Aussagen über Funktionen und Grundlagen ihrer Herrschaft zu treffen, was sich in der Vielzahl der Münzbilder spiegelt, die wir heute noch vor uns haben.


Vielen Dank für das Gespräch.


Weiter geht es in der Ringvorlesung am 5. Dezember 2017 (18 Uhr c.t., Hauptgebäude der Universität Bonn, Hörsaal XIII) mit einem Vortrag von Prof. Dr. Christian Schwermann (Sinologie, Universität Bochum) zum Thema „Konflikt-‚Management‘ am Kaiserhof der Westlichen Han: Die Debatte über die Militär- und Wirtschaftspolitik des Han Wudi (reg. 141–87 v. Chr.)“.

 

(28.11.2017)

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