Sie sind hier: Startseite Aktuelles Nachrichten des SFB 1167 Der römische Kaiser wird zum Gott – eine Erfolgsgeschichte?

Der römische Kaiser wird zum Gott – eine Erfolgsgeschichte?

Nach seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft“ stellte sich Konrad Vössing den Fragen von Achim Fischelmanns (Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit).

Ringvorlesung_Vössing

Foto: © Christine Beyer | SFB 1167

Herr Vössing, Sie leiten im SFB 1167 das Teilprojekt „Prekäre Divinität: sakrale Selbstdefinitionen des Kaisers in Rom im Konflikt konkurrierender Herrschaftsbegründungen“. Können Sie uns in wenigen Worten andeuten, was das ‚Prekäre‘ an der Vergöttlichung römischer Kaiser gewesen ist?

Seit der Herrschaft des Augustus war es ungeschriebenes Gesetz, dass ein lebender Kaiser sich nicht selbst vergöttlichen konnte. Die Entscheidung war vielmehr prinzipiell auf die Zeit nach seinem Tod verschoben; der Kaiser musste also sicherstellen, dass Andere sich für seine Göttlichkeit einsetzten. Dies ist des Öfteren nicht gelungen.
 


Zur Vergöttlichung selbst: Das Wort ‚divus‘ haben Sie mit ‚der gemeinschaftlich beschlossene Gott‘ übersetzt. Wie kann man sich diesen Entscheidungsfindungsprozess vorstellen? Es wirkt auf den ersten Blick ja etwas befremdlich, dass Göttlichkeit vom Urteil einer kritischen Masse abhängig sein soll…

Befremdlich nur dann, wenn man nicht im Auge hat, dass die Vergöttlichung eines verstorbenen Menschen schon in der griechischen Welt vorkam – etwa als Reaktion einer Gruppe von Menschen, die von seinen ‚übermenschlichen‘ Leistungen profitiert hatten. Herkules ist ein gutes Beispiel: als Mensch geboren und (trotz seines göttlichen Vaters Zeus) sterblich, dann aber nach einem Leben voller bestandener Gefahren und Mühen (‚die Zwölf Arbeiten‘) zu den Göttern erhoben und unsterblich gemacht. In Rom war dafür der Senat – als Vertreter der römischen Bürger – zuständig.
 


Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sagt eine Divinisierung mehr über den Nachfolger eines vergöttlichen Kaisers aus als über den vergöttlichten Kaiser selbst und dessen tatsächliche Leistungen. Der Nachfolger war es, der die Vergöttlichung gegebenenfalls durchsetzte und sich dann, wenn er der Sohn war, als ‚Sohn eines Divinisierten‘ (Divi filius) bezeichnen lassen konnte. War es dann überhaupt möglich, eine stabile Herrschaft zu errichten, wenn der Vorgänger nicht divinisiert worden war?

Durchaus. Regelmäßig geschah das dann, wenn eine Kaiserdynastie (meist gewaltsam) zu Ende ging. Zwischen ihr, d.h. ihrem letzten Vertreter, und dem Nachfolger gab es dann keine Verbindung. Kaiser Vespasian etwa scheint ganz gut ohne die Qualität eines ‚Göttersohns‘ zurecht gekommen zu sein. Allerdings versuchten manche Herrscher, diese Situation zu vermeiden, etwa indem sie Verwandtschaften zu früheren Kaisern konstruierten.

 


Divinisierungen wurden nicht nur postum vorgenommen, in den Provinzen ließen sich die Kaiser schon zu Lebzeiten als Gott verehren. In Rom und in der Welt der römischen Bürger aber deuteten sie es als Zeichen politischer Schwäche eines amtierenden Kaisers, wenn er versuchte, den Senat in dieser Frage unter Druck zu setzen. Könnte man also sagen: Wer erfolgreich herrschte, musste seine Divinisierung zu Lebzeiten nicht offensiv vorantreiben?

Ja, wobei sich ‚erfolgreich‘ in erster Linie auf die Etablierung eines (möglichst in engem Verwandtschaftsverhältnis stehenden) Nachfolgers bezieht. Das war im Rom der Kaiserzeit keine einfache Angelegenheit, da das politische System darauf beruhte, dass der Nachfolger nicht offiziell bestimmt wurde, sondern sich den Senatoren, die nominell die Entscheidung nach dem Tod des Kaisers zu treffen hatten, durch seine Leistung aufzudrängen hatte. Eine echte Wahl war das nicht. De facto musste er zu diesem Zeitpunkt also bereits eine Art ‚alternativloser Kandidat‘ sein.
 


Um das Fragezeichen in Ihrem Vortragstitel zu erläutern, betonten Sie abschließend sehr deutlich, dass eine Bewertung davon abhängt, als wessen Erfolgsgeschichte man die Vergöttlichungen ansehen möchte. Sie selbst deuteten sie als Erfolgsgeschichte mehr für das Imperium als für die einzelnen Kaiser. Können Sie uns erklären, wie und warum das römische Imperium von diesem ‚Modell‘ profitierte?

In doppelter Weise: für die Legionen war der Kult der Kaiser nach innen und nach außen von großer Bedeutung; nach innen als Mittel der Unifizierung und gemeinsamen Ausrichtung auf den Oberbefehlshaber und unumschränkten Herren, nach außen als Ausdruck vollkommener (weil auch religiös imprägnierter) Loyalität. Den Provinzen und ihren Eliten bot der Kaiserkult die Möglichkeit, repräsentative Beziehungen zum Kaiserhaus aufzubauen. Dadurch konnten sie – durchaus in Konkurrenz zueinander – nicht nur ihre Nähe zur Macht betonen, sondern auch ihre eigene Stellung.
 


Haben Sie ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

 

(31.07.2018)

Artikelaktionen