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Der SFB im Jahr 2020: Homeoffice statt Himalaya

Hinter uns liegt ein merkwürdiges Jahr. Das bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung, wird aber noch deutlicher, wenn man sich in diesen Tagen noch einmal den Rückblick des Vorjahres durchliest. Am Ende steht jedoch das positive Fazit, dass (fast) jeder neuen Herausforderung mit vielversprechenden Lösungsansätzen begegnet werden konnte…

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Foto: © Katharina Gahbler | SFB 1167

Während wir Ende 2019 auf ein Jahr voller Veranstaltungen und Gelegenheiten zum persönlichen Austausch zurückschauen konnten, mussten Diskussionen 2020 in den meisten Fällen auf digitale Kanäle verlagert werden und das Homeoffice trat für viele an die Stelle des gewohnten Büroarbeitsplatzes.

Man könnte ironisch sein und behaupten, dass Lockdowns und Kontaktbeschränkungen hilfreich sein dürften, wenn es darum geht, Qualifikationsschriften und Sammelbände fertigzustellen – und in der Tat werden um den Jahreswechsel herum weitere Bände in unseren Schriftenreihen erscheinen. Allerdings waren von den Zwangsschließungen nicht zuletzt auch für den Forschungsbetrieb unverzichtbare Einrichtungen wie Bibliotheken betroffen, und abgesehen davon würde man mit einem solchen Gedanken auch ganz elementar das Wesen eines Verbundprojektes verkennen, das gerade darin besteht, dass nicht (nur) „im stillen Kämmerlein“, sondern im ständigen Dialog mit Kolleginnen und Kollegen geforscht wird. Auch wer Arbeit und Familienleben miteinander zu vereinbaren hatte, sah sich in den vergangenen Monaten zusätzlichen Herausforderungen gegenübergestellt.

Unsere beiden Nachberichte zum Workshop „Bilder und Zeichen. Fürstliche Repräsentation im Hoch- und Spätmittelalter“ des Teilprojekts von Andrea Stieldorf, der am 23. Oktober 2020 via Zoom durchgeführt wurde, zeigen zweierlei: Zum einen, dass Forschungsdiskussionen auch während der Corona-Pandemie glücklicherweise nicht zum Erliegen kommen, und zum anderen, wie viel sich durch das Online-Format ändert – wenigstens nicht alles nur zum Schlechten.

Hier und an anderer Stelle konnte man etwa beobachten, dass sich durch den digitalen Übertragungsweg auch Teilnehmer*innen aus anderen Teilen Deutschlands oder sogar der Welt zuschalteten, wodurch die geographische Reichweite von Veranstaltungen beträchtlich gesteigert werden konnte.

Das galt zum Beispiel auch für den Dies Academicus am 2. Dezember 2020: Hier stand die Sektion des Bonner Mittelalterzentrums unter dem Motto „Frauenpower. Handlungsmacht von Frauen in Mittelalter und Mittelalterrezeption“. Drei der vier Vorträge wurden dabei von SFB-Mitgliedern gehalten: Harald Wolter-von dem Knesebeck behandelte ausgewählte Bildzeugnisse, die in der Kreuzfahrerzeit an Kreuzfahrerhöfen im deutschsprachigen Bereich entstanden sind. In den Wandmalereien des Braunschweiger Heilig-Kreuz-Zyklus wird etwa Helena, die Mutter Konstantins des Großen, bei der Suche nach dem wahren Kreuz Christi im Heiligen Land als besonders aktive Herrin dargestellt. Karina Kellermann führte vor, wie sich Königin Isolde im Tristanroman Gottfrieds von Straßburg nicht mit ihrer zeittypischen Unmündigkeit und ihrem Status als ‚Rechtssache‘ abfindet, sondern selbst als handelndes Subjekt einen Gerichtsprozess leitet. Auch in der Romanserie „A Song of Ice and Fire“ des amerikanischen Autors George R. R. Martin, die unter dem Titel „Game of Thrones“ verfilmt wurde, mischen Frauen beim Spiel um die Macht kräftig mit: Alheydis Plassmann konnte zeigen, dass sie dabei mitunter Rollenmuster übernehmen, die ansonsten Männern zugeschrieben werden, manchmal aber auch gerade ihre Weiblichkeit in den Mittelpunkt stellen.

Da sich streckenweise weit über 100 Zuhörer*innen zugeschaltet hatten, erwies sich das Online-Format auch abseits von Infektionsschutzerwägungen als gute Wahl. Ansonsten hätte dieses große Interesse wohl so manchen Hörsaal an seine Kapazitätsgrenze gebracht.

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Die Felsinschrift mit den vier Hieroglyphen „Domäne des Horus-Königs Skorpion“ © Foto: Ludwig D. Morenz | Umzeichnung: David Sabel

Während 2020 an Forschungsreisen kaum zu denken war, rief ein bereits vor mehr als zwei Jahren im Wadi el Malik östlich von Assuan (Ägypten) entdecktes Fundstück Anfang Dezember ein großes Presseecho hervor: Mitglieder des Teilprojekts „Vom doppelten Horus. Königsideologische Arbeit in der formativen Phase des ägyptischen Königtums und ihre Inszenierung“ (Leitung: Ludwig D. Morenz) entschlüsselten gemeinsam mit dem Ägyptischen Antikenministerium eine Felsinschrift aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr., die als „ältestes bekanntes Ortsnamenschild der Welt“ gelten kann.

Bereits im März hatte uns Teresa Raffelsberger aus dem Teilprojekt „Zentrum oder Peripherie: Herrschaft zwischen gedachter und realer Ordnung in tibetischen Gesellschaften am Beispiel der Namgyal-Dynastie Ladakhs (16.–19. Jh.)“ (Leitung: Peter Schwieger) an den Erlebnissen ihrer Forschungsreisen teilhaben lassen – erzählt aus der Perspektive ihres „Begleiters“: Die vierteilige Reihe „Mit dem König unterwegs im Himalaya“ erzeugt vor dem Hintergrund der aktuellen Lage nun sicherlich noch größeres Fernweh, weckt aber zugleich Hoffnung und Vorfreude auf bessere Zeiten.

Wann Veranstaltungen und Reisen wieder in gewohnter Weise möglich sein werden, kann derzeit leider noch niemand wissen, aber wir hoffen sehr, unsere nächste große Konferenz wenigstens in Teilen als Präsenzveranstaltung durchführen zu können: Die Tagung „Herrscher und Eliten zwischen Symbiose und Antagonismus. Kommunizieren in vormodernen Herrschaftsstrukturen“, für die uns bereits ein rundes Dutzend Vortragszusagen vorliegt, wird vom 17. bis 19. Juni 2021 stattfinden.

Nun wünschen wir Ihnen aber erst einmal trotz der besonderen Situation hoffentlich schöne Weihnachtstage und einen guten Jahreswechsel – bleiben oder werden Sie gesund!


(21.12.2020)
 

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