Sie sind hier: Startseite Aktuelles Nachrichten des SFB 1167 Macht mal 8: Christina Lutter

Macht mal 8: Christina Lutter

Nach dem Ringvorlesungsvortrag zum Thema „Herrschaft und Geschlecht als relationale Kategorien zur Erforschung fürstlicher Handlungsspielräume“ baten Jasmin Leuchtenberg und Achim Fischelmanns vom Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit die Referentin Prof. Dr. Christina Lutter (Wien), acht Satzanfänge zum Thema „Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft“ zu vervollständigen.

Ringvorlesung_Lutter

Foto: © Achim Fischelmanns | SFB 1167

 

An der Gender-Thematik interessiert mich persönlich besonders...

...dass sie grundsätzlich in jeder historischen Fragestellung enthalten ist, weil Geschlecht nun einmal eine zentrale Kategorie der Wahrnehmung und „Einteilung“ von Menschen ist.

Die meiner Ansicht nach treffendste Definition von ‚gender‘...

...stammt von Joan Scott (1986) und lautet frei übersetzt: Geschlecht ist ein konstitutives Element sozialer Beziehungen, das auf der Wahrnehmung von Unterschieden zwischen Frauen und Männern basiert ... und ist damit ein zentraler Faktor in Machtbeziehungen.

Als Einstiegslektüre und/oder Inspiration für Forschungen zur Geschlechtergeschichte empfehle ich...

...generell die Arbeiten von Joan W. Scott und Natalie Z. Davis, für Mediävist_innen außerdem Caroline W. Bynum und Miri Rubin.

Durch den Paradigmenwechsel zu einer ‚Kulturgeschichte des Politischen‘ wurde der Blick auf das soziale Geschlecht...

...erweitert. Geht man von der Relationalität von sozialen Kategorien aus (von denen Geschlecht eine ist), lassen sich kulturhistorische Fragen nach den Handlungsspielräumen von Akteuren beiderlei Geschlechts, nach Rollenbildern und Repräsentationen, nach symbolischer Kommunikation und sozialer Praxis so formulieren, dass Geschlecht ein integraler Aspekt ist – und gleichzeitig „de-zentriert“ wird: d.h. es geht dann nie nur, aber immer auch um die Kategorie Geschlecht.

Bianca Maria Sforza, die zweite Gattin Maximilians I. von Habsburg, ist besonders geeignet für Forschungen zur Geschlechtergeschichte, weil...

...sie keine herausragende Figur oder „große Herrscherin“  war. Gerade ihre „Nicht-Exzellenz“, sowohl im Vergleich mit dem spektakulären Ehemann als auch mit weiblichen Verwandten ist interessant für Fragen nach strukturellen Aspekten der Profile und Handlungsspielräume der Akteure. Ihr „Gegenbild“ zu „mächtigen Frauen“ eignet sich also gut, um den Konstruktionscharakter solcher Bilder deutlich zu machen.

Im Vergleich zu Maria von Burgund, der ersten Gattin Maximilians, fällt besonders auf, dass...

...Maria als Erbtochter andere Möglichkeiten politischen Handelns hatte, auf die sie bereits in ihrer Erziehung mit entsprechenden Rollenmodellen vorbereitet wurde. Sie starb früh und ihr „Idealbild“ wurde gleichsam „eingefroren“ und so  überliefert; Bianca arbeitete sich ohne entsprechende „Ressourcen“ an einer schier unlösbaren politischen Konstellation ab (Krieg Maximilians mit Mailand); das königliche Projekt scheiterte und Bianca blieb ohne politische Agenda übrig, und das in einem Umfeld des „ad hoc-Managements“, das auch Maximilians männliche Vertrauensleute vor kaum bewältigbare Herausforderungen stellte.

Von ‚weiblicher Herrschaft‘ zu sprechen, erscheint mir problematisch, weil…

...dies bereits eine binäre Setzung bedeutet, die der Vielfalt und Relationalität der Faktoren, die bei der Realisierung von Machtchancen eine Rolle spielen, nicht gerecht wird.

Bei der Untersuchung der Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft in vormoderner Zeit künftig stärker zu berücksichtigen wäre...

...dass politische Willensbildung damals meist in komplexen Prozessen der Ausverhandlung stattfand, also in Kommunikationssituationen, an denen eine Reihe unterschiedlicher Akteure in unterschiedlichen Positionen und Funktionen beteiligt waren. Die Formen dieser Kommunikationssituationen und die Praxis des Ausverhandelns, die Logiken wiederholter Praxis (manchmal rituell, oft habituell) lassen sich aus kulturhistorischer Perspektive neu konturieren: Wer was durchsetzen kann, wer erfolgreich ist und auch bleibt, hängt von verschiedenen Aspekten in kontextspezifischen Kombinationen ab. Herrschaftsausübung ist also durch relationale Faktoren bedingt.

 

Wie Claudia Opitz-Belakhal, Kerstin Palm, Ina Kerner, Cornelia Klinger und Martin Dinges, ebenfalls Vortragende der Ringvorlesung "Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft", diese und andere Satzanfänge vervollständigt haben, können Sie durch Klick auf die jeweiligen Namen nachlesen.

 

(13.12.2018)

Artikelaktionen