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Macht mal 8: Claudia Opitz-Belakhal

Nach dem Ringvorlesungsvortrag zum Thema „Macht und Geschlecht in der Frühen Neuzeit – Forschungsergebnisse und -desiderate einer Geschlechtergeschichte des Politischen“ baten Jasmin Leuchtenberg und Achim Fischelmanns vom Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit die Referentin Prof. Dr. Claudia Opitz-Belakhal (Basel), acht Satzanfänge zum Thema „Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft“ zu vervollständigen.

Ringvorlesung_Opitz

Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167

 

An der Gender-Thematik interessiert mich persönlich besonders...

…die Perspektive auf die Geschlechterlogik von Machtverhältnissen, etwa die Frage, inwieweit Männlichkeit durch Herrschaft hergestellt wird, und nicht (nur) umgekehrt. Dazu gehört dann auch die Frage, wie krisenhaft diese Männlichkeit in der Geschichte war, bzw. sein konnte, weil (oder auch: obwohl) sie für so wichtig und so „unantastbar“ gehalten wurde.

Die meiner Ansicht nach treffendste Definition von ‚gender‘…

…lautet: „Gender ist ein konstitutives Element von gesellschaftlichen Beziehungen und gründet auf wahrgenommenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, und gender ist eine grundlegende Art und Weise, Machtbeziehungen zu bezeichnen.“ Sie stammt von der US-amerikanischen Historikerin Joan Scott (1986).

Als Einstiegslektüre und/oder Inspiration für Forschungen zur Geschlechtergeschichte empfehle ich...

– und das ist mir fast etwas peinlich – meine Einführung in die Geschlechtergeschichte, die eben grade in einer 2., erweiterten Auflage erschienen ist.

Durch den Paradigmenwechsel zu einer ‚Kulturgeschichte des Politischen‘ wurde der Blick auf das soziale Geschlecht…

…erweitert und verbessert. Zuvor, mit einem sehr enggeführten Blick auf die politische Geschichte, wurden fast nur männliche politische Akteure in den Blick genommen, ohne das jedoch zu problematisieren. Auch heute spielen männliche Akteure weiterhin eine wichtige Rolle, aber ihre Geschlechtszugehörigkeit wird deutlicher sichtbar gemacht und dadurch historisiert, genau wie diejenige weiblicher Akteure.

Königin Elisabeth I. von England (1533–1603) ist besonders geeignet für Forschungen zur Geschlechtergeschichte, weil...

…über sie jede Menge Quellen existieren. Kaum eine weibliche Akteurin des 16. Jahrhunderts ist so gut dokumentiert wie sie. Dazu kommt noch, dass sie schon von den Zeitgenoss_innen als vorbildlich angesehen wurde – nicht nur als regierende Frau, sondern ganz generell als Herrscher! Später hat man sie dann v.a. als die eifersüchtige Königin wahrgenommen, die die attraktive schottische Königin Maria Stuart, ihre Rivalin, skrupellos hat hinrichten lassen. So wird an ihrer Person und deren jeweiliger Darstellung auch erkennbar, mit welchen (durchaus unterschiedlichen) Wertvorstellungen weibliche Herrschaft in ihrer Zeit, aber auch in den späteren Jahrhunderten verbunden wurde.


Weibliche Präsenz war für die 'Hofkultur' und das Funktionieren der Adelsgesellschaft in der Frühen Neuzeit zentral, da...

…der Hof, ähnlich wie ja auch die Familie, als „zweigeschlechtlich“ angesehen wurde. Das heißt, der Hof beherbergte zum einen die Fürstenfamilie, die sich legal „reproduzieren“ musste: Dafür brauchte es neben dem Fürsten eine Fürstin, also die Ehefrau des Fürsten. Der Wert der höfischen Lebenswelt wurde zum zweiten jedoch auch durch die Präsenz von Frauen angehoben: Ohne sie wäre die höfische Spiel- und Festkultur, so haben das schon die Zeitgenoss_innen wahrgenommen, langweilig oder gar unmöglich gewesen. Schließlich ist die weibliche Präsenz – der Königin, der Mätressen, der Hofdamen – auch für politische „Intrigen“, d.h. für diplomatische Entscheidungsfindungen, Personalentscheidungen und Karrieren unverzichtbar gewesen, wie schon Montesquieu im 18. Jahrhundert festgestellt hat und wie auch die neuere Hofforschung gezeigt hat.

Die Dichotomisierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse in eine ‚private‘ und eine ‚öffentliche‘ Sphäre sollte in Frage gestellt werden, weil...

…diese Trennung in mancher Hinsicht eine künstliche ist, vor allem aber ist es eine historisch zufällige Trennung. Sie geht auf das 18. Jahrhundert und die dort beginnenden liberalen Vorstellungen vom Staat zurück, der sich aus dem „Privatleben“ der Bürger heraushalten soll. Dieser Schutz der Privatsphäre ist v.a. in der englischen Aufklärung ein wichtiges Thema gewesen, wurde dann aber in ganz Europa aufgegriffen – und hat u.a. dazu geführt, dass man auch in der Geschichtsschreibung diese „Privatsphäre“ ausgeklammert hat – und mit ihr alles, was dort (vermeintlich) hingehört: Frauen, Kinder, Emotionen, Körper, Alltag usw. Wenn wir das in die Geschichte zurückholen wollen, müssen wir diese Trennung ein Stück weit rückgängig machen bzw. ignorieren, insbesondere wenn es um historische Ereigniszusammenhänge vor dem 19. Jahrhundert geht.

Bei der Untersuchung der Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft in vormoderner Zeit künftig stärker zu berücksichtigen wäre...

…dass Macht und Herrschaft nicht nur bei „denen da oben“, also bei den gesellschaftlichen Eliten, beim Adel und den Fürst_innen angesiedelt war, sondern dass es vielfältige Formen der Machtausübung gibt, wie wir etwa von Michel Foucault gelernt haben – und v.a., dass immer zwei Seiten dazu gehören, wie wir von Max Weber wissen. Es muss also immer gefragt werden: Wie, auf welche Weise und mit welchen Mitteln wird Herrschaft hergestellt und aufrechterhalten – und wie kommt das bei denen „da unten“ – Männern wie Frauen - an, sofern wir dazu überhaupt Quellen zur Verfügung haben!
 

(07.12.2018)

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