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Macht mal 8: Cornelia Klinger

Nach dem Ringvorlesungsvortrag zum Thema „Kontinuität und Bruch im Konzept ‚Patriarchat‘ zwischen Vormoderne und Moderne“ baten Jasmin Leuchtenberg und Achim Fischelmanns vom Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit die Referentin Prof. Dr. Cornelia Klinger (Tübingen), acht Satzanfänge zum Thema „Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft“ zu vervollständigen.

Ringvorlesung_Klinger

Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167

 

An der Gender-Thematik interessiert mich persönlich besonders...

…ihre Position im Kontext einer kritischen Theorie der (modernen) Gesellschaft. Übrigens ist das kein „besonders persönliches‟ Interesse (ich „für mich persönlich‟ würde lieber Gedichte über Bäume lesen…). Vielmehr beanspruche ich allgemeine politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für diese Thematik.

Die meiner Ansicht nach treffendste Definition von ‚gender‛ lautet…

…eine von drei sich überschneidenden Achsen von gesellschaftlicher Ungleichheit. Neben „Gender‟, oder, wie es korrekter wäre, zu sagen: neben den asymmetrischen Geschlechterverhältnissen, gehören die Klassenverhältnisse und die Schwarz-Weiß-Relationen von Rasse/Ethnizität zu dieser Trias. Die asymmetrischen Relationen zwischen reich/oben und arm/unten, eigen/zugehörig und fremd/nicht-zugehörig und schließlich männlich/weiblich als dem einen und dem aus dessen Perspektive zweiten, zweitrangigen, anderen Geschlecht sind ‚Erbstücke‛ älterer Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Seit dem Zeitalter von Aufklärung und Revolution treten ihnen die Prinzipien der politischen Semantik der Moderne entgegen. Während alle demokratischen Verfassungen die Freiheit, Gleichheit und Solidarität aller Menschen – kurz gefasst: die Menschenrechte – zugrunde legen, bilden die drei Achsen weiterhin die Basis der Sozialstruktur derselben Gesellschaften. Um bei der linguistischen Metapher zu bleiben: Zwischen der Syntax und der Semantik moderner Gesellschaften besteht ein Widerspruch, der in den bürgerlichen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts entstanden und bis heute virulent geblieben ist.    

Als Einstiegslektüre und/oder Inspiration für Forschungen zur Geschlechtergeschichte empfehle ich...

…die Arbeiten von Ute Gerhard, das neue „Handbuch interdisziplinäre Geschlechterforschung‟, das von Kortendiek/Riegraf/Sabisch herausgegeben wurde, oder die O-Töne, die Stimmen der ‚alten Damen‛ von Christine de Pizan bis Simone de Beauvoir und so weiter… und noch weiter selbst recherchieren.
 
In meinen Augen liegen Foucault sowie Adorno/Horkheimer mit ihrer pessimistischen Bilanz zum Zeitalter der Aufklärung in Bezug auf die Humanisierung der Gesellschaft falsch, weil…

Diesen Satz möchte ich ein wenig umformulieren, weil es in den Argumentationen der Autoren Unterschiede gibt: Foucault geht (in seinem Essay „Nietzsche, la généalogie, l'histoire‟ von 1971) davon aus, dass die Menschheit das Ziel umfassender Freiheit, Gleichheit und Solidarität nicht erreichen könne, sondern vielmehr dazu verurteilt sei, von einem Herrschaftssystem in das nächste zu wechseln, salopp ausgedrückt: vom Regen in die Traufe zu geraten. Dagegen sehen Horkheimer und Adorno in den Ideen der Aufklärung selbst eine Dialektik am Werk, die die Emanzipation der Menschheit be- oder verhindert. Foucaults Pessimismus mag ich nicht teilen und Horkheimers/Adornos Rede von einer „Dialektik‟ der Aufklärung scheint mir eine Metapher zu sein, die es in Klartext zu übersetzen gilt: Mein nach wie vor von den Ideen der Aufklärung geprägter Glaube ist, dass nicht nur ökonomische und technologische Innovationen stattfinden können, sondern dass auch sozialer und politischer Fortschritt „menschenmöglich‟ und notwendig ist. Um dem Menschheitsziel friedlicher, gerechter und glücklicher Verhältnisse zwischen Menschen näher zu kommen, sind historische Analysen und gesellschaftstheoretische Reflexionen der Strukturen von Macht und Herrschaft – so wie sie auch das Bonner Projekt zu vormodernen Konfigurationen von Macht und Herrschaft anstrebt – zwar keine hinreichende, aber eine notwendige Voraussetzung. – Allerdings kann ich nicht so einfach behaupten, dass Foucault oder Horkheimer/Adorno „falsch liegen‟ – ich kann das höchstens hoffen… die Wette auf die Zukunft gilt noch. Aber wer käme auf den Gedanken, die Medizin abzuschaffen, bloß weil die Ärztinnen sich mit den Pflegern um die richtigen Therapien streiten und sie den Tod allemal nicht abschaffen können.

Neben das ‚(vormoderne) Patriarchat‛ und den ‚(modernen) Patriarchalismus‘ möchte ich das Konzept des ‚integralen Patriarchats‛ stellen, das ich definiere als…

In der Literatur wird das spezifisch bürgerliche Patriarchat, das sich im 19. Jahrhundert entwickelt und bis heute nachwirkt, als „Patriarchalismus im Gegenstoß‟, als „Sekundärpatriarchalismus‟ oder „Neo-Patriarchat‟ bezeichnet. Um dieses moderne Patriarchat von den sehr viel länger wirksamen patriarchalen Strukturen der Vergangenheit zu unterscheiden, schlage ich den Begriff ‚integrales Patriarchat‛ vor. Damit sind Verhältnisse zu bezeichnen, in denen politische Rechte, ökonomische Macht und die familiäre Vorherrschaft des Vaters über Frau/Mutter und Kind(er) in einer Hand lagen und vom Vater an den (ältesten) Sohn weitergegeben wurden. Im Verlauf des Modernisierungsprozesses treten diese alten vaterrechtlich geprägten, patriarchalen Strukturen in Staat und Wirtschaft zurück, während sie in der Familie nicht eigentlich erhalten bleiben, sondern sich vielmehr neu und anders konstituieren. Mit dem Begriffspaar bürgerliches und integrales Patriarchat möchte ich die recht grobe und leicht wertende Entgegensetzung von ‚modern‛ vs. ‚vormodern‛ in Hinblick auf die Definition von Patriarchat vermeiden bzw. präzisieren.

Mit dem Ende des Gottesgnadentums beginnt ein Umstrukturierungsprozess von Macht und Herrschaft in den Bereichen Politik und Produktion, der nicht ohne Auswirkungen auf den familiären Bereich bleibt, weil…

…mit dem Ende des ancien régime, das auf familia im alten Sinne von ‚Stamm‛ und ‚Sitz‛ gegründet und durch Religion begründet/legitimiert war, im Urbanisierungs- und Industrialisierungsprozess der „Sattelzeit‟ (Koselleck) ein grundstürzender Strukturwandel der westlichen Gesellschaft stattfindet. Während Politik und Ökonomie als Nationalstaat und als kapitalistischer Weltmarkt den Bereich des Öffentlichen bilden und beanspruchen, wandelt sich der familiale Bereich zur modernen Privatsphäre. Es scheint mir unzulänglich, nur von einem „Strukturwandel der Öffentlichkeit‟ (Habermas) zu sprechen, der dann sekundär auf den nachgeordneten familialen Bereich „Auswirkungen‟ hätte; es handelt sich vielmehr um einen in etwa gleichzeitigen Umstrukturierungsprozess aller gesellschaftlichen Felder in Wechselwirkung.
 
Heute kann man gar von einer ‚dritten‛ oder ‚vierten‛ industriellen Revolution sprechen, insofern als…

…die Innovationen der Informations- und Kommunikationstechnologien und der life sciences als Mikroelektronik und Mikrobiologie im Nanobereich konvergieren (NBIC). Diese radikalen Veränderungen lösen schon längst und zwar durchaus zu Recht große Unruhe, Ängste und verzweifelte Reaktionen aus, die in alle möglichen und einige unmögliche Richtungen gehen. Während uns diese Entwicklungen mit Höchstgeschwindigkeit und ‚in Echtzeit‛ um die Ohren zu fliegen scheinen, sind wir mehr oder weniger alle digitale Analphabeten und von einem Verstehen der Bedeutung dieser Entwicklungen, einem vernünftigen Umgang mit Chancen, Risiken, Neben- und Nachwirkungen noch immer Lichtjahre weit entfernt.

Bei der Untersuchung der Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft in geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive künftig stärker zu berücksichtigen wäre...

…der Faktor ‚Gewalt‛ in den diversen Formen des Erscheinens und Nicht-Erscheinens von Gewalt; das heißt, sowohl in Hinblick auf die Formen von Demonstration und (An-)Drohung, auf die Gewalt angewiesen ist, als auch auf die Arten und Weisen des Verbergens, Vertuschens, Verhehlens und Verleugnens, die für Gewalt ebenso charakteristisch sind.
 

Wie Claudia Opitz-Belakhal, Christina Lutter, Kerstin Palm, Ina Kerner und Martin Dinges, ebenfalls Vortragende der Ringvorlesung "Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft", diese und andere Satzanfänge vervollständigt haben, können Sie durch Klick auf die jeweiligen Namen nachlesen.

 

(06.03.2019)

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