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Macht mal 8: Ina Kerner

Nach dem Ringvorlesungsvortrag zum Thema „Macht, Religion und die Schwierigkeiten globaler Geschlechterpolitik‟ baten Jasmin Leuchtenberg und Achim Fischelmanns vom Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit die Referentin Prof. Dr. Ina Kerner (Koblenz), acht Satzanfänge zum Thema „Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft‟ zu vervollständigen.

Ringvorlesung_Kerner

Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167


An der Gender-Thematik interessiert mich persönlich besonders...

...ihre politische Dimension. Geschlechterordnungen sind in der Regel hierarchisierende Ordnungen, die Ungleichheit, ungleiche Chancen und durchaus auch Leid erzeugen. Mich interessiert, diese Dynamiken zu verstehen und darüber nachzudenken, auf welche Weise man sie verändern kann.

Die meiner Ansicht nach treffendste Definition von ‚gender‛ lautet…

...soziales Geschlecht. Spätestens seit dem in dieser Hinsicht bahnbrechenden Buch „Gender Trouble‟ von Judith Butler haben wir gute Argumente an der Hand, unter ‚sozialem Geschlecht‛ dabei mehr zu verstehen als traditionelle Muster von Männlichkeit und Weiblichkeit, deren soziale Genese und Reproduktion gewissermaßen auf der Hand liegen. Butler schlägt nämlich vor, alle Einteilungen und Kategorisierungen des im weiten Sinne Geschlechtlichen, also auch die Einteilung der Menschen in eine bestimmte Anzahl von Genusgruppen und Einteilungen der Menschen danach, auf wen sich ihr Begehren richtet, als soziale Konventionen zu verstehen. ‚Gender‛ umfasst damit auch unseren gesellschaftlichen Umgang mit demjenigen, was oftmals als ‚biologisches Geschlecht‛ bezeichnet wird – einschließlich just dieser Attribuierung als biologisch und damit als vermeintlich vorsozial.

Als Inspiration für Forschungen zur Geschlechtergeschichte empfehle ich...

...die Lektüre einschlägiger Fachzeitschriften, im deutschsprachigen Raum etwa L’Homme, Feministische Studien, Femina Politica oder Gender. Ferner erscheint es mir zielführend, der eigenen Neugier zu folgen und jedes spezifizierbare Unbehagen an geschichtlichen Darstellungen, die Geschlechteraspekte ausblenden, ernst zu nehmen und weiterzuverfolgen.

Bei meinen Aufenthalten in Pakistan hatte ich den Eindruck, dass die „intersektionale Wende‟ in Feminismus und Geschlechterforschung…

...vor allem hinsichtlich ihrer praktischen Auswirkungen durchaus auch kritisch gesehen wird. Denn die intersektionale Problematisierung eines einheitlichen, universalen Subjektes des Feminismus, mit anderen Worten: die Problematisierung der Vorstellung, alle Frauen seien Schwestern und säßen politisch gesehen im gleichen Boot, hat zu einer Vorsicht kritischer Feministinnen im globalen Norden davor geführt, imperiale Befreiungsgesten und die lange Geschichte der Viktimisierung von Frauen im globalen Süden zu reproduzieren. Diese Vorsicht übersetzt sich allerdings oftmals in eine Abkehr von jedem ernsthaften Interesse an der Situation der geschlechterpolitischen Lage in weniger privilegierten Kontexten als dem eigenen. Dies habe – so die Kritik, die ich in Pakistan zur Kenntnis genommen habe – zu einer Abnahme globaler feministischer Solidarität geführt, die wiederum feministische Kämpfe vor Ort eher schwächt als stärkt.

Mit „doppelter Kritik‟ ist gemeint, dass...

...die Kritik doppelgleisig verfährt, indem sie zum einen den eigenen Kontext samt seiner kulturellen Ansprüche und Muster kritisch unter die Lupe nimmt und zum anderen Fremdzuschreibungen dieses Kontextes kritisch reflektiert. Den Begriff hat der marokkanische Soziologe Abdelkébir Khatibi geprägt. Seine ‚doppelte Kritik‛ ermöglicht die Verbindung von Imperialismuskritik und nach innen gerichteter Kulturkritik und verhindert damit die Romantisierung des Unterdrückten ebenso wie die Bagatellisierung von Kolonialismus und Imperialismus.

Globale feministische Solidarität ist sinnvoll, wenn…

...sie Formen findet, die jede imperiale Geste vermeiden. Das ist weder in ihrer Geschichte, noch in ihrer Gegenwart immer der Fall – so sind feministische Aktivistinnen in sogenannten Nehmerländern entwicklungspolitischer Maßnahmen oftmals kritisch gegenüber geschlechterpolitischen Maßnahmen, die in den Zentralen der großen Geberorganisationen im globalen Norden entwickelt wurden und deren neoliberale Agenda spiegeln, etwa wenn sie Mikrokredite statt Arbeitsrechte und soziale Sicherungssysteme vorsehen. Wichtig erscheint mir zudem ein Bewusstsein für das komplexe Verhältnis zwischen diskursiven Machtrelationen auf der einen Seite und faktischen, das heißt materiellen, rechtlichen und sozialen Differenzen auf der anderen Seite – und die Offenheit aller beteiligten Akteurinnen und Akteure, dieses Verhältnis und seine Implikationen stets kritisch, auch selbstkritisch, zu reflektieren.

Unter ‚Gegenwarts-Orientalismus‛ verstehe ich…

...aktuelle Formen des Orientalismus. ‚Orientalismus‛ ist ein Begriff, den Edward Said geprägt hat, um westliche Orientvorstellungen zu beschreiben und zu problematisieren. Folgt man der Literaturwissenschaftlerin Sadia Abbas, ist in jüngerer Zeit neben die überkommene orientalistische Figur der unterdrückten Muslima, die zu retten der Westen zu seiner Aufgabe erklärt, eine neue Figur getreten, und zwar jene der agentialen, also mit Handlungsfähigkeit ausgestatteten frommen Muslima. Diese Figur nun vermeidet laut Abbas zwar die Viktimisierung, von der die ältere Figur geprägt ist – doch eine Dichotomisierung zwischen dem Westen und dem Islam vermeidet sie ebenso wenig, wie sie zu einer differenzierten Darstellung der Heterogenität von Frauen in islamischen Kontexten beiträgt.

Bei der Untersuchung der Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft in politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive künftig stärker zu berücksichtigen wäre...

...die Umkämpftheit aller Geschlechterordnungen, die eigentlich ein altes Phänomen ist, aber durch die massiven antifeministischen Maßnahmen der religiösen Rechten unterschiedlichster Denomination im Verein mit rechtspopulistischen politischen Akteurinnen und Akteuren in den letzten Jahren in vielen Teilen der Welt besonders augenscheinlich geworden ist.
 
 
Wie Claudia Opitz-Belakhal, Christina Lutter, Kerstin Palm, Cornelia Klinger und Martin Dinges, ebenfalls Vortragende der Ringvorlesung "Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft", diese und andere Satzanfänge vervollständigt haben, können Sie durch Klick auf die jeweiligen Namen nachlesen.
 
 
(28.01.2019)
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