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Macht mal 8: Kerstin Palm

Nach dem Ringvorlesungsvortrag zum Thema „Die Analysekategorie Gender in den Geschichtswissenschaften – theoretische Grundlegungen und zentrale Forschungsergebnisse am Beispiel ‚Wissenschaftsgeschichte als Geschlechtergeschichte‘“ baten Jasmin Leuchtenberg und Achim Fischelmanns vom Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit die Referentin Prof. Dr. Kerstin Palm (Berlin), acht Satzanfänge zum Thema „Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft“ zu vervollständigen.

Ringvorlesung_Palm

© Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167


An der Gender-Thematik interessiert mich persönlich besonders…

…die Analyse des intensiven Einflusses historisch wechselnder gesellschaftlicher Geschlechtervorstellungen auf die naturwissenschaftlichen Geschlechtertheorien und deren zirkelhafte Rückwirkung auf alltägliche Geschlechteridentitäten, soziale Strukturen und kulturelle Bewertungen.

Die meiner Ansicht nach treffendste Definition von ‚gender‘…

…lautet „Historisch kontingente soziale bzw. kulturelle Organisationsform von Geschlechterdifferenz“. Unter diesen Genderbegriff fallen insbesondere auch die historisch wechselnden biologischen Interpretationen von geschlechtlichen Körpern, wie sie im Rahmen einer Kulturgeschichte der Naturauslegungen untersucht werden.

Als Einstiegslektüre und/oder Inspiration für Forschungen zur Geschlechtergeschichte empfehle ich…

• Claudia Opitz-Belakhal, Geschlechtergeschichte (2010).
• Karin Hausen, Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte (2012).
• Andrea Griesebner, Feministische Geschichtswissenschaft: eine Einführung (2012).
• Jürgen Martschukat, Geschichte der Männlichkeiten (2008).
• Thomas Kühne (Hg.), Männergeschichte - Geschlechtergeschichte: Männlichkeit im Wandel der Moderne (1996).
• Johanna Gehmacher u.a. (Hg.), Frauen- und Geschlechtergeschichte: Positionen/Perspektiven (2003).
• Hans Medick (Hg.), Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte: Herausforderungen und Perspektiven (1998).
• Ute Frevert, „Mann und Weib, und Weib und Mann“: Geschlechter-Differenzen in der Moderne (1995).

Wissenschaftsgeschichte ist besonders geeignet für Forschungen zur Geschlechtergeschichte, weil…

…wissenschaftliche Aussagen zu Geschlecht aufgrund ihrer hohen Wissensautorität eine besonders nachdrückliche gesellschaftliche Wirkmächtigkeit entfalten. Anhand des historischen Wandels von wissenschaftlichen Theorien zu Geschlecht in Korrespondenz zu gesellschaftlichen Geschlechterkonzepten lässt sich die behauptete Überzeitlichkeit und gesellschaftliche Unabhängigkeit insbesondere auch naturwissenschaftlicher Geschlechtertheorien in Frage stellen und zu einer größeren Reflexivität und gesellschaftlichen Verantwortung auch naturwissenschaftlicher Forschung anregen.

Der Begriff der (wissenschaftlichen) ‚Objektivität‘ muss unter Berücksichtigung von Gender-Aspekten neu konturiert werden, weil…

…die zeitlich wechselnden Konzepte von Objektivität geprägt sind von historisch vorherrschenden Geschlechterstereotypen und logischen Paradoxien. So ist beispielsweise seit dem 19. Jahrhundert das Ideal der aperspektivischen Objektivität verbreitet, die eine personenungebundene Erkenntnis jenseits jeglicher kultureller, sozialer und persönlicher Perspektivität impliziert, zugleich aber nur von einer kulturell und sozial spezifischen Gruppe weißer bürgerlicher Männer praktiziert werden könne.

Die akademische Landschaft veränderte sich durch die beginnende Anwesenheit von Frauen an den Universitäten um 1900, weil…

…die Verschiebungen in den Geschlechterverhältnissen der Universitäten nicht einfach nur den Personalbestand betrafen, sondern wesentlich das Selbstverständnis, die Ausrichtung und die Lehrinhalte der Akademie verschoben. Wie z.B. die Historikerin Johanna Bleker herausgearbeitet hat, wurde zum einen das bisher unbemerkte Selbstverständnis der Universität als einer korporativ verfassten Männergesellschaft sichtbar, in der sich zeitspezifische maskulinistische Verhaltensstereotypen, Rituale und Symbole herausgebildet hatten, die nun zunehmend als fraglich erschienen. Zum zweiten ebnete die Anwesenheit von Studentinnen den Universitäten den Weg, sich von einer zweckfreien Bildungsstätte stärker in eine Ausbildungsstätte mit Praxis- und Berufsbezug umzuwandeln, da die Akademikerinnen ihr Studium als Grundlage für Berufstätigkeit und ökonomische Unabhängigkeit nutzen wollten.

Wer die bisherige Geschichtsschreibung aus gendertheoretischer Perspektive kritisch hinterfragen will, sollte...

…beachten, dass Geschlechteraspekte auf verschiedenen Ebenen zum Tragen kommen können. Weil Inhalte, Erkenntnisinteressen und Arbeitsweisen der Geschichtswissenschaften durch kursierende Geschlechtervorstellungen geprägt werden können, müsste entsprechend eine gendertheoretisch angeleitete Analyse die bisherigen Relevanzkriterien, Grundannahmen, Deutungsmuster und Vorgehensweisen bisheriger Geschichtsschreibung in den Blick nehmen. Umfassen beispielsweise bisherige historische Erkenntnisinteressen, Thematisierungen und Erklärungsmuster gleichermaßen alle Geschlechtergruppen in ihren gesellschaftlich zugewiesenen Positionen und betreffen fachkundig die Machtdynamiken der Geschlechterverhältnisse? Und falls systematische Ausschlüsse und blinde Flecken auffallen, stellt sich die anschließende Frage, durch welche vereinseitigenden Vorannahmen es zu Nichthistorisierungen von geschlechtsspezifischen Strukturen und Vorgängen kommt und welche wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen eine derart verzerrte historische Narration haben kann.

Eine gendertheoretisch informierte Geschichtsschreibung muss vor allem die Intersektionalität in den Blick nehmen, das heißt…

…bei historischen Analysen die Binnendifferenzierung der Geschlechtergruppen aufgrund unterschiedlicher Formen sozialer Ungleichheit bzw. Privilegierung berücksichtigen. Mit einer intersektionalen Perspektive soll zum einen eine additive Analysepraxis überwunden werden, die lange Zeit die Mehrdimensionalität gesellschaftlicher Strukturen, Identitäten oder Bedeutungen als bloße Summe verschiedener Zugehörigkeiten und Zuweisungen rekonstruiert hat. Der intersektionale Zugriff kann stattdessen die wechselseitig strukturierende Beziehung, Durchdringung und Profilierung positionsrelevanter Aspekte herausarbeiten und auf diese Weise zum anderen auch plumpe Simplifizierungen und Schematisierungen von Geschlechterdifferenzen vermeiden. So lässt sich beispielsweise das komplexe Beziehungsgefüge einer Königin, eines Papstes, eines Bauern und einer Bürgertochter in einer spezifischen historischen Konstellation nicht einfach durch ein dichotomes Mann-Frau-Schema auflösen, sondern der Geschlechteraspekt wird nur in seinen jeweiligen sozialen Profilierungen verständlich.
 

Wie Claudia Opitz-Belakhal, Christina Lutter, Ina Kerner, Cornelia Klinger und Martin Dinges, ebenfalls Vortragende der Ringvorlesung "Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft", diese und andere Satzanfänge vervollständigt haben, können Sie durch Klick auf die jeweiligen Namen nachlesen.
 
 
(28.01.2019)
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