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Macht mal 8: Martin Dinges

Nach dem Ringvorlesungsvortrag zum Thema „‚Hegemoniale Männlichkeit‛ – Nutzen und Grenzen eines Konzepts‟ baten Jasmin Leuchtenberg und Achim Fischelmanns vom Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit den Referenten Prof. Dr. Martin Dinges (Stuttgart), acht Satzanfänge zum Thema „Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft‟ zu vervollständigen.

Ringvorlesung_Dinges

Foto: © Jasmin Leuchtenberg | SFB 1167

 

An der Gender-Thematik interessiert mich persönlich besonders...

…der Teil, der die Männer betrifft, weil das eine erhebliche Erweiterung des Themenspektrums ist, und die Sache erst richtig interessant macht.

Die meiner Ansicht nach treffendste Definition von ‚gender‛ lautet…

…eine Strukturkategorie, die alle Lebensbereiche prägt und Differenzen behauptet und damit meistens Ungleichheiten begründet, die aber oft wenig begründet und deshalb kritisch zu rekonstruieren sind – und, man könnte natürlich ergänzen, viel zu wenig immer noch in der deutschen Geschichtswissenschaft beachtet werden.

Als Einstiegslektüre und/oder Inspiration für Forschungen zur Geschlechtergeschichte empfehle ich...

…wegen der Männlichkeitengeschichte die einschlägige Einführung von Martschukat und Stieglitz (Jürgen Martschukat/Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Frankfurt/New York 2018) – und mittlerweile Böhnisch (Lothar Böhnisch, Der modularisierte Mann, Bielefeld 2018), weil das sehr schön einen Theorieüberlick und eine themen- und feldspezifische Zuspitzung bringt, die anregend ist.

Unter dem Begriff ‚hegemoniale Männlichkeit‛ nach Connell verstehe ich…

…ein sehr reduziertes Männlichkeitsverständnis, das im Wesentlichen herrschaftssoziologisch geprägt ist und Männer auf Herrschaftsinteressen aufgrund von herrschaftsgeprägten Strukturen festlegt und damit vieles andere auslässt, – ein Konzept, das unglaublich wirkungsmächtig war, aber eigentlich überholt ist.

Connell ist für diesen Wissenschaftsbereich eine besonders interessante Persönlichkeit und war so wirkmächtig aufgrund…

…der Tatsache, dass er eben der Einzige ist, der so einen großen Wurf gewagt hat und damit auch viele Theoriebausteine, die es gab, aufgegriffen hat, und dies zu einem Zeitpunkt, als die langsam entstehende Männlichkeitengeschichte, Mitte der 90er-Jahre, nach theoretischen Orientierungen suchte. Zum richtigen Zeitpunkt mit einem großen Wurf zu kommen, ist oft doch sehr förderlich für eine Themenkarriere und das ist sicherlich hier der Fall.

Das Feld der Medizingeschichte kann für Forschungen zu Geschlechterdimensionen lehrreich sein, weil die Medizin…

…erstens geradezu federführend und dominant die Geschlechterdifferenz ausgearbeitet hat, indem sie in einer zwar zeitgenössisch verständlichen, aber aus heutiger Perspektive schwerlich erträglichen, biologistischen Weise versucht hat, Geschlechterdifferenzen naturalistisch zu begründen und weil sie damit gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse aus heutiger Sicht pseudowissenschaftlich gestützt hat. Zweitens wird die Medizin sehr interessant, wenn man auf Gesundheit und Praxis, also praktizierten Umgang mit Krankheit und Gesundheit, schaut, was ja der eigentliche Kernpunkt von dem sein sollte, was Medizingeschichte macht. Dann kristallisieren sich dort besonders stark geschlechtsspezifische Dispositionen heraus, die wiederum gut historisch erklärbar sind und deswegen ein sehr interessantes Feld für Historiker bieten, um zu dekonstruieren, dass und wie Geschlecht gemacht wird. Deswegen scheint mir gerade das Feld von Medizin und Gesundheitsgeschichte besonders ertragreich.

Die Verortung von Masculinity Studies oder Männlichkeitsforschung im Zusammenhang mit den Gender Studies…

…ist und bleibt sehr marginal, weil die Emanzipationsinteressen der Frauen natürlich sehr viel stärker seit vierzig Jahren politisiert sind und auch politisierbar sind, weil die Benachteiligungsfragen dort sehr viel stärker und immer wieder aktualisierbar sind, während bei Männern ja schon die Vorstellung, man könne irgendwie benachteiligt sein – was Politisierung erleichtert – sozusagen schon gegen das eigene Selbstbild steht, weswegen die Politisierung von männerspezifischen Bedarfen in unseren Gesellschaften so schwer ist. Sie haben einerseits die Männer, die das selbst nicht wollen – die Gesundheitsminister waren immer mehr gegen einen Männergesundheitsbericht als die Gesundheitsministerinnen, in Westdeutschland immer mehr als in Ostdeutschland –, und Sie haben andererseits in dem Moment, wo überhaupt Männerbedarfe artikuliert werden, die institutionalisierte Frauenförderung, die sofort schreit: „Hier werden uns Mittel weggenommen.‟ Und drittens: Wo Sie Männer haben, die sagen, da gibt es Leiden oder Probleme, da haben Sie natürlich die Frauen, die sagen: „Jetzt fangen die auch noch an zu knatschen‟, wobei diese Frauen dann haargenau das traditionelle Männerbild duplizieren. Das heißt, Sie haben eine dreifache Schwierigkeit, Männerbedarfe in Gesellschaften überhaupt zu thematisieren, und dementsprechend sind ‚Men Studies‛ oder ‚Masculinity Studies‛ oder was auch immer, nie in der gleichen Weise wissenschaftlich institutionalisierbar, weil kein politischer Schub dahinter ist, und das hat Gründe, die sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu suchen sind.

Bei der Untersuchung der Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft in geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive künftig stärker zu berücksichtigen wäre...

Man muss sich differenzierter Männlichkeiten und Weiblichkeiten und männliche und weibliche Lebenspraxis, also Mann-Sein und Frau-Sein, anschauen, und dabei vor allen Dingen die sozialen Ungleichheiten viel stärker in den Blick nehmen, statt sie, wie leider so oft, gewissermaßen hinter der Geschlechterthematik zu vergessen. Dies ist theoretisch differenzierter auszuarbeiten.

 

Wie Claudia Opitz-Belakhal, Christina Lutter, Kerstin Palm, Ina Kerner und Cornelia Klinger, ebenfalls Vortragende der Ringvorlesung "Geschlechterdimensionen von Macht und Herrschaft", diese und andere Satzanfänge vervollständigt haben, können Sie durch Klick auf die jeweiligen Namen nachlesen.

 

(06.03.2019)

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