Sie sind hier: Startseite Aktuelles Nachrichten des SFB 1167 Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft

Transkulturelle Annäherungen an Phänomene von Macht und Herrschaft

In einer auf mehrere Semester angelegten Ringvorlesung gewähren Teilprojektleitende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Gäste des SFB 1167 „Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“ Einblicke in die laufende Forschungsarbeit des Verbundes.

Ringvorlesung_Jaspert

Mit dem Gastvortrag von Prof. Dr. Nikolas Jaspert (links) von der Universität Heidelberg endete im Juli die erste Etappe der Ringvorlesung, die SFB-Sprecher Prof. Dr. Matthias Becher (rechts) im April 2017 eröffnet hatte. Foto: © Achim Fischelmanns | SFB 1167

Im ersten der sieben Vorträge des Sommersemesters 2017 zeigte der Mittelalterhistoriker Prof. Dr. Matthias Becher, dass die Schlüsselbegriffe, die der SFB 1167 zur Benennung seiner Projektbereiche ausgewählt hat, nicht nur zur Beschreibung vormoderner Zustände geeignet sind, sondern auch in der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart Anwendung finden können. Als Ausgangspunkt diente dem Sprecher des SFB Mao Zedongs Durchquerung des symbolträchtigen Yangtze-Flusses im Juli 1966, die in Chinas Medienlandschaft große Aufmerksamkeit erfuhr. So habe sich Mao zur Demonstration seiner körperlichen Fitness vermutlich ganz bewusst aus dem Zentrum in die Peripherie des chinesischen Reiches begeben, um seine Machtfülle zur Schau zu stellen und somit ein Gegengewicht zu kritischen Stimmen in Peking zu schaffen.

Ringvorlesung_Kauz

Dass Peking überhaupt eines Tages zur Hauptstadt der Volksrepublik China wurde, verdankt die Stadt dem Yongle-Kaiser (r. 1403–1424), der im Mittelpunkt des sinologischen Vortrags von Prof. Dr. Ralph Kauz (oben) stand. ‚Yongle‘, zu übersetzen mit ‚immerwährende Freude‘, war die Regierungsdevise dieses Kaisers, der als bedeutendster Herrscher der Ming-Dynastie gilt und seine Machtbasis im Norden hatte. Seine ‚Globalpolitik‘ war geprägt von Expansionsbestrebungen und offensiven Verteidigungsmaßnahmen, die unter anderem in umfangreichen Feldzügen gegen die Mongolen sowie im Bau einer großen Flotte ihren Ausdruck fanden.

Ringvorlesung_WolterEinen anderen Weg, als Herrscher in der Peripherie „sichtbar“ zu sein, führte der Kunsthistoriker Prof. Dr. Harald Wolter-von dem Knesebeck (links) vor. Die Darstellung Friedrichs II. in Wandmalereien der Torre Abbaziale von San Zeno Maggiore in Verona stelle ein herausragendes Zeugnis kaiserlicher Präsenz im Norditalien der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts dar, solle aber keinesfalls nur als „Hofpropaganda“ gedeutet werden: Zugleich handele es sich bei den Malereien um Botschaften an den Herrscher sowie um Selbstdarstellungen der eigentlichen Auftraggeber in ihrem eigenen, vom Parteienstreit der Kommune von Verona geprägten Umfeld.

Vor allem um personale und transpersonale Aspekte vormoderner Macht und Herrschaft ging es in zwei Vorträgen, die der Bedeutung von Räten und Ratgebenden nachgingen: Prof. Dr. Elke Brüggen (Germanistische Mediävistik, unten) zeigte in ihrem Vortrag über die ‚Kaiserchronik‘ (entstanden um 1150), dass es vor allem die Thematisierung des für Herrschaftsverständnis wie Herrschaftspraxis des Mittelalters wichtigen Instruments des Rats sei, welches eine Vorführung von politischen Redeakten erlaube. Anhand exemplarisch vorgestellter Ratsszenen demonstrierte sie, wie sich Herrscherkompetenz an der Fähigkeit bemessen lasse, politischen Rat in Form einer verschlüsselten Rede zu dechiffrieren. Die erzählerische Überformung und Narrativierung von Geschichte erhalte somit einen eigenen Stellenwert.

Ringvorlesung_Brueggen

Dechiffrierungsarbeit hatten auch die Angehörigen der sogenannten Übersetzerschule von Toledo zu leisten, die Prof. Dr. Mechthild Albert (Romanistik, unten) in ihrem Vortrag über „Herrscher und Berater/in in der kastilischen Literatur des Mittelalters“ behandelte. Anhand von Beispielen aus ‚Calila y Dimna‘, einer Sammlung von Tierfabeln, die aus dem Arabischen ins Altspanische übertragen wurden, konnte aufgezeigt werden, dass auf der Iberischen Halbinsel in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts offenbar noch keine Probleme bezüglich der Anschlussfähigkeit zwischen muslimischen und christlichen Vorstellungen von der Aufgabe von Beraterinnen und Beratern bestanden. Es habe vielmehr durch das Zusammenleben der drei großen Buchreligionen eine gemeinsame transkulturelle Alltagspraxis gegeben und auch ideale Herrschaft sei zugleich säkular und transkulturell konzipiert gewesen.

Ringvorlesung_Albert

Von ethischer und religiöser Diversität geprägt waren auch die Bevölkerung und die Eliten des Mogulreichs, das die Islamwissenschaftlerin Dr. Anna Kollatz (unten), Mitarbeiterin im Teilprojekt von Prof. Dr. Eva Orthmann, in den Blick nahm. Es sei daher vorrangige Aufgabe der Herrscher gewesen, Religionsfrieden zu stiften und Bigotterie zu unterbinden. Um auch abgelegene Regionen besuchen und den Kontakt zu den dortigen Eliten aufrechterhalten zu können, zogen die Mogul-Herrscher nach Tradition ihrer mittelasiatischen timuridischen Vorfahren mit einer mobilen Zeltresidenz durch ihr Reich, für deren Transport Hunderte Elefanten, Kamele und Esel benötigt wurden. Das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Herrscher und Eliten fand in regelmäßigen Audienzen seinen Ausdruck, die wie ihre bildlichen und textlichen Darstellungen als bewusste Platzierung und In-Szene-Setzung von Personen zueinander und zu ihrer Umwelt verstanden werden können, bei der der jeweilige Rang einer Person entscheidend gewesen sei, nicht ethnische oder religiöse Kriterien.

Ringvorlesung_Kollatz

Zum Abschluss des Semesters führte Prof. Dr. Nikolas Jaspert (Mittelalterliche Geschichte, Universität Heidelberg) in seinem Gastvortrag  „Militärische Diasporen und die Politik der Frömmigkeit im westlichen Mittelmeerraum (13.–15. Jahrhundert)“ vor, welche komplexen Beziehungsgefüge sich in der religiösen Pluralität des Mittelmeerraums durch Söldnertum ergeben konnten. Transimperial subjects, Personen, die zwischen unterschiedlichen Reichen hin und her wechselten und verschiedenen Herrschern dienten, gerieten nicht selten in Loyalitätskonflikte. Zugleich habe ihnen die Distanz zur Heimat allerdings auch eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität ermöglicht.

Im Wintersemester 2017/2018 wird die Ringvorlesung mit sieben weiteren Terminen fortgesetzt. Eine Übersicht der Einzeltermine finden Sie hier.

Fotos: © Christine Beyer | Achim Fischelmanns | SFB 1167

 

(29.09.2017)

Artikelaktionen