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Strategien der mittelalterlichen Kritikausübung

Durch die Organisation von PD Dr. Alheydis Plassmann konnten sie, Dominik Büschken M.A. und Britta Hermans M.A. ihre neuesten Erkenntnisse am 4. Juli 2017 auf dem International Medieval Congress (IMC) in Leeds einem großen internationalen Publikum präsentieren und zur Diskussion stellen.

Die Vorträge der Sektion standen unter dem Hauptthema „How to criticise a King?“ mit dem Fokus auf Methoden und Instrumenten der Kritik. Dabei kamen essenzielle Fragen des Projektbereichs D „Kritik und Idealisierung“ zum Tragen: Auf welchen ideellen Kriterien fußt Herrschaft? Was passiert, wenn der Herrscher den Vorstellungen nicht gerecht wurde? Kritik der Zeitgenossen an Herrscher und Herrschaft hat viele Facetten, eine davon ist zweifellos, die Vertrauten des Königs und seine Wahl derselben zu kritisieren.

Dies zeigte Dominik Büschken zum Start der Sektion unter dem Titel „Aiming at the King's Favourites“. Der Vortrag ging den Darstellungen Wilhelms von Malmesbury und Ordericus‘ Vitalis nach, die Beispiele narrativer Strategien zur Diskreditierung königlicher Favoriten offenbaren. Ranulf Flambard, ein wichtiger Berater Wilhelms II. Rufus, diente hierzu als individuelles Negativexemplum des Favoriten eines kritikwürdigen Königs. Demgegenüber wurde in einem weiteren Schritt das Phänomen der homines novi (Aufsteiger) und ihre Perzeption durch die beiden oben genannten Autoren am Hof Heinrichs I., einem vermeintlich positiv besetzten Herrscher, gestellt. Ein zentraler Aspekt war das Hervorheben einer gedeuteten niedrigen Herkunft durch die Chronisten, die sowohl als Erklärungsmuster für Fehlverhalten diente, als auch direkte Kritik am Herrscher war. Niedrige Herkunft war in dieser Debatte um Herrschafts- und Herrscherkritik ein wichtiges Argument. Es verknüpft so ideale Vorstellungen von guter Herrschaft mit der Einordnung pragmatischer Herrschaftsinstrumente.

Britta Hermans widmete sich der Rolle von Bischöfen des 11. Jh. als wichtige Berater des Herrschers am Beispiel Bischof Wazos von Lüttich (1042–1048) und seiner Kritik an Kaiser Heinrich III. (1039–1056). Sie stellte, anders als in der Forschung bisher vornehmlich getan, weniger die inhaltliche Argumentation Wazos in der Gesta der Bischöfe von Lüttich in den Fokus, als eher die Präsentation der Kritik in der Quelle und ihre Einordnung in den Gesamtzusammenhang des Textes. Dabei arbeitete sie heraus, dass die dargestellten Situationen, in denen Wazo Kritik an Heinrich III. äußert, stark konstruiert und insgesamt wenig glaubwürdig sind. Insbesondere, da die Zurechtweisung des Königs in die vom Quellenautor angelegte Charakterisierung des Bischofs passt und dessen vorbildliche Eigenschaften der Wahrheitsliebe, Furchtlosigkeit und des starken Gerechtigkeitssinnes betont. Damit ist die Darstellung Wazos Ausdruck eines Ideals, das die Herrscherkritik als Verantwortlichkeit des Bischofs versteht.

Erstaunlicherweise griffen Zeitgenossen zudem auf das Mittel zurück einen bereits toten Herrscher im Nachhinein scharfer Kritik zu unterziehen. Ausgehend von der Darstellung des plötzlichen Todes König Wilhelms II. Rufus bei einem Jagdunfall in der Historiographie in England ging Alheydis Plassmann der Frage nach, inwieweit plötzliche, unerwartete und gewaltsame Todesfälle, die es im England des 12. Jahrhunderts in der unmittelbaren Königsfamilie im Schnitt alle 20 Jahre gab, die Geschichtsschreibung beeinflussten. Zum einen brachte gerade die Häufung der Todesfälle die Geschichtsschreiber in Erklärungsnöte, wenn sie die Herrschaft des Königs für gut hielten, weil ein guter König heilsgeschichtlich an sich keinen plötzlichen Tod erleiden konnte, und zum anderen wurde der Topos des plötzlichen Todes gerne als Exempel genutzt, um durchaus in unterschiedlichen Punkten, die Herrschaft des Königs zu kritisieren. Das gehäufte Vorkommen von plötzlichen Todesfällen führte zum einen zu Erklärungen, die die Todesfälle mit einem immer wieder auftretenden Fehlverhalten erklärten und zum anderen zur Ausweitung des Topos: Wenn ein gewaltsamer, plötzlicher Tod nicht glaubwürdig war, wurde die Beerdigung als Hintergrund für die Schilderung von Ereignissen verwendet, um die göttliche Strafe für schlechte Herrschaft vor Augen zu führen.
 
(02.08.2017)

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