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Bitte anfassen! Wachs und Pergament erzählen Schulkindern Geschichten vom Mittelalter

Die Klasse 6c des Bonner Tannenbusch-Gymnasiums zeigte bei ihrem Besuch im Institut für Geschichtswissenschaft nicht nur großes Interesse, sondern bewies auch Fingerspitzengefühl.

Dieses war auch nötig, denn vor Geschichtslehrerin Eva Meyer und ihren Schülerinnen und Schülern lag am Morgen des 5. Juli 2017 empfindliches Quellenmaterial, das schon viele Jahre auf dem Buckel hat. „Diese Urkunde stammt wirklich aus dem 13. Jahrhundert? Und die geben Sie den Kindern einfach so in die Hand?“, wunderte sich Sabine Günther, die die Klasse ebenso wie Referendarin Christina Grones in die Konviktstraße begleitet hatte.

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An einer der Urkunden, die Mareikje Mariak den Kindern zeigte, befinden sich nicht weniger als sechs verschiedene Siegel. Foto: © Eva Meyer | Tannenbusch-Gymnasium

Während der Zahn der Zeit an den Originalurkunden in der Tat schon intensiv genagt hat, bieten die Nachfertigungen diverser Herrschersiegel deutlich jüngeres, aber dafür auch robusteres und besser entzifferbares Anschauungsmaterial. Auf den Wachsplatten konnten die Kinder zahlreiche Herrschaftsinsignien und Titulaturen ausfindig machen. Mareikje Mariak und Maximilian Stimpert aus dem Teilprojekt von Prof. Dr. Andrea Stieldorf (Abteilung für Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde) hatten die Stücke zuvor aus der Lehrsammlung des Instituts ausgewählt. Nun standen sie der Klasse mit ihrem Expertenwissen Rede und Antwort und erläuterten unter anderem den aufwändigen Herstellungsprozess von Pergament. Dass der meistverwendete Beschreibstoff des Mittelalters aus Tierhäuten gewonnen wurde, sorgte zwar bei einigen Kindern für erstaunte Gesichtsausdrücke, ließ sie aber schnell verstehen, warum Schriftstücke den Status von Luxusgütern hatten.

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Auf dem stark beschädigten Siegel an dieser Urkunde eines Mainzer Erzbischofs sind dessen Mitra und Bischofsstab nur bei genauem Hinsehen zu erkennen. Foto: © Sabine Günther | Tannenbusch-Gymnasium

Wie schon die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen Wissenschaftsrallye brachte auch die Klasse 6c bereits zu Beginn ihres Besuchs sehr schnell Stichworte wie ‚Reichtum‘ und ‚Besitz‘ ins Spiel, als Achim Fischelmanns, Mitarbeiter im Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit (Leitung: Prof. Dr. Matthias Becher, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte), die Veranstaltung mit einem Brainstorming zu den Begriffen ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘ eröffnete. An diese eingangs gesammelten Schlagworte konnte in der Schlussrunde angeknüpft werden. Es wurde deutlich, dass mit Hilfe von Urkunden und Siegeln nicht nur Besitzverhältnisse geklärt, sondern auch die Einflussmöglichkeiten bestimmter Personenkreise ergründet werden können.

„Sie haben meine Schülerinnen und Schüler heute sehr beeindruckt! Ganz oft fielen in der Nachbesprechung Begriffe wie ‚toll‘ und ‚spannend‘“, dankte Eva Meyer den Veranstaltern später. Die drei SFB-Mitglieder vermittelten den Kindern jedoch nicht nur historisches Wissen, sondern versuchten ihnen auch zu verdeutlichen, dass Urkunden und Siegel nach wie vor – wenn auch in gewandelter Form – ein fester Bestandteil ihrer eigenen Lebenswelt sind: bei Mathewettbewerben, bei Bundesjugendspielen und auch am letzten Tag vor den Sommerferien. Denn vermutlich werden die Kinder der 6c auch die Stempel auf ihren inzwischen ausgeteilten Zeugnissen nach diesem Ausflug mit anderen Augen sehen und in ihnen „gedruckte Nachfahren“ vormoderner Siegel erkennen.

(18.07.2017)

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