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Mit dem König unterwegs im Himalaya (2/4): Zwischen Frust und Freude

Unser König tummelt sich nicht nur auf Veranstaltungsplakaten und Infobroschüren – er kommt auch ganz schön rum. Insgesamt siebeneinhalb Monate lang war er mit Teresa Raffelsberger in Ladakh unterwegs, für die die schroffen Bergwelten auf dem Dach der Welt zu einem zweiten Zuhause geworden sind. Hier erzählt der König in vier Teilen, was Teresa und er auf ihrer Reise erlebt und herausgefunden haben…

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Das Kloster Hanle war bis vor kurzem für Reisende nicht oder nur schwer zugänglich, da es sich sehr nah an der nach wie vor umstrittenen und auch umkämpften Grenze zu Tibet befindet; seit 2019 ist es mit einer Sondergenehmigung möglich, dieses Kloster und die Region dort zu besuchen. Wer oder was sich hinter diesem König verbirgt, kannst Du/können Sie im ersten Teil der Reihe nachlesen. Foto: © Teresa Raffelsberger | SFB 1167


Wer im Himalaya forscht, muss vor allem eines mitbringen: Geduld und Gelassenheit. Die Uhren hier oben laufen anders und grundsätzlich langsamer als gewohnt. Es ist auch nicht selten so, dass man stundenlang zu einem Ort fährt und dort niemanden antrifft. In den Sommer- und Herbstmonaten sind alle beschäftigt: sei es in den Dörfern mit der Arbeit auf dem Feld oder in den Klöstern mit der Durchführung bestimmter Rituale und sonstiger Festlichkeiten. Und auch wenn die Ladakhis sehr gastfreundlich sind, so liegen die Prioritäten trotzdem anders: Wenn die Kartoffeln noch nicht geerntet, das Getreide noch nicht gedroschen oder das Vieh noch nicht versorgt ist, dann hat man eben keine Zeit, sich mit einer Wissenschaftlerin lang und breit über die Familiengeschichte zu unterhalten – nicht einmal, wenn ein waschechter König daneben steht. Diese Erfahrung hat auch Teresa gemacht, die dann nur zwei Möglichkeiten hatte: unverrichteter Dinge weiterzufahren oder eben auf dem Feld mitanzupacken und zu versuchen, nebenher ins Gespräch zu kommen.

Selbst wenn die Menschen generell sehr freundlich und hilfsbereit sind, ist das kein Garant für einen Forschungserfolg. Gerade bei unserer Suche nach Urkunden mussten wir immer wieder feststellen, wie schwierig es sein konnte, Zugang zu alten Dokumenten zu bekommen. In einigen Familien verbrachten wir ganze Wochen voller intensiver Gespräche und mussten letzten Endes doch ohne neue Erkenntnisse, aber mit viel Frust im Gepäck abreisen. Nicht immer war mangelndes Vertrauen seitens der Gastgeber dafür verantwortlich, manchmal fehlte auch schlicht das Wissen um den Wert dieser Urkunden und sie wurden beispielsweise verbrannt oder gingen anderweitig verloren. Nach monatelangem Kontaktaufbau und Vertrauensarbeit mit Hilfe befreundeter Restauratoren bekamen wir schließlich die Erlaubnis, das Archiv eines ladakhischen Klosters einzusehen. Es war wie Weihnachten für Tibetologen: Teresa und ich saßen zusammen mit einem Mönch umringt von alten Kisten auf dem Boden in einem Raum des Klosters und wühlten uns durch Berge von alten Dokumenten. Ein unbeschreibliches Gefühl: Urkunden in der Hand zu halten, die 300 bis 400 Jahre alt sind. Mehrere Tage dauerte es, alle uns zur Verfügung gestellten Kisten durchzuarbeiten – am Ende konnten wir mehr als 80 neue Dokumente für die Forschung verbuchen (siehe unten)…ein toller Erfolg!
 

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Urkunden im Kloster Matho. Foto: © Teresa Raffelsberger | SFB 1167
 

Zum Hintergrund:
Während ihres Forschungsaufenthalts konnte Teresa Raffelsberger eine Reihe diplomatischer Quellen ausfindig machen und fotografieren. Bei den aus dieser Dokumentation hervorgegangenen, für die Arbeit des tibetologischen Teilprojekts relevanten Quellen handelt es sich vor allem um Urkunden der ladakhischen Könige sowie Schreiben verschiedener Amtsträger innerhalb der Administration des Königreiches: insgesamt 70 Schriftstücke unterschiedlicher Länge, die meisten ausgestellt im 17. und 18. Jahrhundert. Die Urkunden befassen sich mit unterschiedlichsten Sachverhalten, wie z.B. Übertragung von Land und Privilegien für verschiedene Verdienste, Freistellung von bestimmten Steuern, Verhaltenskodex für Mönche, Anweisungen zur Durchführung bestimmter Rituale für die Königsfamilie, Konfirmation früher verbriefter Rechte bei Streitfällen usw.

Warum unser König und Teresa auf ihrer Reise mitten im September dicke Decken und heißen Tee brauchten, kannst Du/können Sie hier am nächsten Mittwoch nachlesen!

(18.03.2020)

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