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Mit dem König unterwegs im Himalaya (4/4): Unterwegs mit Freunden

Unser König tummelt sich nicht nur auf Veranstaltungsplakaten und Infobroschüren – er kommt auch ganz schön rum. Insgesamt siebeneinhalb Monate lang war er mit Teresa Raffelsberger in Ladakh unterwegs, für die die schroffen Bergwelten auf dem Dach der Welt zu einem zweiten Zuhause geworden sind. Hier erzählt der König in vier Teilen, was Teresa und er auf ihrer Reise erlebt und herausgefunden haben…

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Auf dem Pensi-la-Pass in 4500 Metern Höhe. Wer oder was sich hinter diesem König verbirgt, kannst Du/können Sie im ersten Teil der Reihe nachlesen. Foto: © Teresa Raffelsberger | SFB 1167
 

Feldforschung ist mehr als nur die reine Suche nach neuem Quellenmaterial. Vor Ort zu forschen bedeutet, sich über kurz oder lang komplett einzulassen auf eine fremde Lebenswelt, in andere Realitäten und Vorstellungen einzutauchen. Der intensive Austausch mit der lokalen Bevölkerung ist dabei unerlässlich und für die Forschungsarbeit Gold wert. Persönliche Kontakte öffnen Türen, die einem Außenstehenden sonst verschlossen bleiben, und ermöglichen Erfahrungen fernab des eigenen Kosmos. Ohne unsere ladakhische „Entourage“ – bestehend aus Fahrern, Guides und Dolmetschern –  wären wir wohl nie oder zumindest nicht so schnell an unser Ziel gelangt. Mit einigen von ihnen verbindet Teresa eine jahrelange, enge Freundschaft.

Dadurch erlebten wir die alltäglichen Herausforderungen der Einheimischen in dieser schroffen Natur, nahmen teil an ihrem kulturellen Leben – sei es auf traditionellen Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder bei klösterlichen Ritualen, sahen die schmelzenden Gletscher und die damit einhergehende Wasserknappheit in vielen Dörfern und wurden Zeuge politischer Umbrüche und schwelender Konflikte innerhalb der Gesellschaft – wie etwa zwischen muslimischen und buddhistischen Gemeinschaften.

Hier prallen manchmal Welten aufeinander und die eigene, vielleicht eher westlich geprägte Sicht auf viele Dinge ist nicht selten Auslöser hitziger Diskussionen. Aber auch diese Reibungspunkte gehören zur Feldforschung dazu: Sie lehren, sich auf unterschiedliche Perspektiven und Wertesysteme einzulassen, und helfen letztendlich auch dabei, festgefahrene Überzeugungen neu zu überdenken und den eigenen Blick zu weiten.

Neben den zahlreichen Funden für die Forschungsarbeit sind all diese Erfahrungen und die entstandenen Freundschaften die wohl wertvollsten „Mitbringsel“ unserer Aufenthalte in Ladakh. 
 
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Auf dem Tsemo in Leh. Foto: © Teresa Raffelsberger | SFB 1167

Zum Hintergrund:

Urkunden und historiographische Quellen zeichnen ein deutliches Bild, wie Macht und Herrschaft im Königreich von Ladakh ausgehandelt wurden, und mit welchen Strategien die Könige Ladakhs ihre eigene Position abzusichern versuchten: Zur Stabilisierung der Herrschaft dienten vor allem ökonomische, politische und religiöse Mittel. Der König unterstützte den Buddhismus, indem er ihm in Gesellschaft und Wirtschaft eine Vorrangstellung einräumte. Als Ausgleich rechtfertigte das religiöse System das Königtum. Wesentlich für den Erhalt des Königreiches von Ladakh war auch die Regulierung des Handels sowie die Kontrolle seiner Routen. Gerade in der Interaktion und Kommunikation mit den umliegenden Herrschaftsträgern waren diplomatische Mittel (Tribut, Heiratspolitik) aber auch militärische Interventionen von großer Bedeutung.

Gründe für Auseinandersetzungen lieferte das prekäre politische und kulturelle Umfeld, in dem es sich zu behaupten galt: Der ladakhische Königshof bildete einerseits ein regionales Zentrum, zu dem Andere (Mitglieder der Königsfamilie, Fürsten, Klöster etc.) in einem konfliktreichen Abhängigkeitsverhältnis standen. Andererseits stand das Königreich von Ladakh selbst in – mal mehr, mal weniger formalen – Abhängigkeitsverhältnissen zur zentraltibetischen Regierung und zur Moghulherrschaft in Indien. Zur Befriedung ausufernder Konflikte wurden nicht selten hochstehende, angesehene Geistliche als Schlichter berufen, welche über einen meist langen Zeitraum hinweg mit den verschiedenen Parteien Verträge aushandelten. Solche Konsensbemühungen sorgten für eine Stabilisierung von Herrschaft, wohingegen militärisch ausgetragene Konflikte in der Regel eine Instabilität politischer Verhältnisse zur Folge hatten.

Der realen Struktur des Königtums von Ladakh lag ein klar definierter buddhistischer Typenschatz zugrunde, dessen Deutungsmuster die soziale Kommunikation über Herrschaft bestimmten und die Interaktion der Herrschaftselite mit der Umwelt prägten. Religiös-ideologische Ideen beeinflussten auch die Konstruktion des physischen sowie symbolischen Raumes und damit die Relationen von Zentrum und Peripherie: Die kosmische Vorstellung einer mandalisch geordneten Welt mit dem Weltenberg im Zentrum wurde nicht nur auf landschaftliche Gegebenheiten übertragen, sondern das Konzept dieser konzentrisch gedachten Ordnung konnte auch als politisches Instrumentarium territorialer Expansion und Kontrolle interpretiert werden, welches den Herrscher und die Regierung ins Zentrum rückte – räumlich wie ideell.

An den Rändern des eigenen Herrschaftsbereiches traf dieses Ordnungswissen auf Konzepte anderer sozialer und kultureller Systeme. Die Peripherie fungierte dabei als eine Art Kontaktzone zwischen verschiedenen Einflusssphären. Händler, Nomaden und Pilger hielten die Verbindung zu den angrenzenden Regionen aufrecht und bauten durch ihre persönlichen Kontakte ein weit verzweigtes Netzwerk von politischen, ökonomischen und religiösen Mechanismen auf. Durch Rückgriff auf diese Netzwerke gelang es den obersten Herrschaftsträgern, ihre Macht auch in entlegenen Winkeln des Reiches durchzusetzen und zu stabilisieren.


Zum Weiterlesen:

  • Teil 1, Teil 2 und Teil 3 dieser Reihe
  • Artikel „Welt der Extreme“ zu Teresa Raffelsberger im Bonner Universitätsmagazin „forsch“ (Ausgabe Sommer 2018, S. 30f.)
  • Jutta Mattausch, Ladakh und Zanskar: Reiseführer für individuelles Entdecken, 9. Auflage, Bielefeld 2016.
  • Janet Rizvi, Ladakh: Crossroads of High Asia, Delhi 1999.


 

(01.04.2020)
 

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