Sie sind hier: Startseite Aktuelles Nachrichten des SFB 1167 Repräsentation und Interaktion transkulturell betrachtet

Repräsentation und Interaktion transkulturell betrachtet

Wo trifft man einen Herrscher? Was bedeutet eigentlich ‚Audienz‘ im alten Orient, in Indien oder China? Gleichen sich Audienzen am Papsthof und in Rajasthan? Durfte man als Gesandter am Zarenhof eine ähnliche Behandlung erwarten wie im osmanischen Reich?

Der internationale Workshop „The Ceremonial of Audience: Transcultural Perspectives on Pre-modern Representations of Power” (16./17. Juni 2017), veranstaltet vom Teilprojekt „Herrschaftsrepräsentation und Zeremoniell am Moghulhof“ (Leitung: Prof. Dr. Eva Orthmann), sollte den Auftakt zu einer transdisziplinären Auseinandersetzung mit ‚Audienzen’ innerhalb des SFB 1167 bilden.

Die Veranstaltung fand im neuen Konferenzraum des Sonderforschungsbereichs statt, dessen frühere Funktion als Hochzeitszimmer des Standesamtes schon eine leise Hinleitung zur Thematik des Workshops war, wies doch Prof. Dr. Chander Shekhar (Delhi) auf die Funktion von höfischen Hochzeiten als Audienz-Format in Indien hin. 13 Vortragende aus so unterschiedlichen Disziplinen wie der Archäologie des alten Orients, der Byzantinistik, der Islamwissenschaft, Osmanistik, der osteuropäischen Geschichte, Kunstgeschichte, Sinologie, Indologie und der Kirchengeschichte beleuchteten an ihren jeweiligen Fallbeispielen gemeinsame Fragen. Neben einer ‚Bestandsaufnahme‘ von Audienz-Formaten in unterschiedlichen historischen und geographischen Kontexten standen beteiligte Personengruppen im Zentrum des Interesses: Wer hat Zutritt zu einer Audienz? Gibt es für unterschiedliche Gruppen verschiedene Audienzformen? Auch die Veränderungen des Zeremoniells einerseits und seiner Funktionen andererseits wurden diskutiert. Als dritter Schwerpunkt des Programms ist die Betrachtung von Gaben und anderen Gegenständen – auch Architektur – zu nennen, die während Audienzen verwendet oder verschenkt wurden. Insbesondere rückten Ehrenroben als Zeichen der Zugehörigkeit und Unterordnung in den Fokus.

                           Plakat_Workshop_The Ceremonial of Audience

               Abbildung im Plakat: © alisamii: "Persepolis theasury", Wikimedia Commons

Schon während der einzelnen Vorträge, die von Mitgliedern des SFB 1167 und internationalen Gästen gestaltet wurden, aber insbesondere in den lebhaften Diskussionsrunden stellten sich teils frappierende Ähnlichkeiten und Unterschiede des Audienzen-Zeremoniells heraus. So berichtete etwa Dr. Hedda Reindl-Kiel (Bonn) von der herausragenden Rolle der Ehrengewänder am osmanischen Hof. Gleichermaßen wichtig, wenn auch in ein anderes Zeremoniell eingebunden, waren solche Roben etwa bei den Ghaznaviden, über die Prof. Dr. Eva Orthmann sprach. Die Nicht-Verleihung konnte, wie Dr. des. Christian Mauder (Göttingen/Bonn) zeigte, im Mamlukensultanat als Herabwürdigung einer Gesandtschaft genutzt werden, während an anderer Stelle gerade die Verleihung einer Ehrenrobe an einen eigentlich gleichrangigen Herrscher einen herben Affront darstellen konnte. Kleidung konnte aber auch, wie Dr. Jörg Bölling (Göttingen) am Beispiel der Schuhe des Papstes illustrierte, zur Definition von Audienzkontexten dienen, wenn die Räumlichkeiten äußerlich gleich blieben. Ähnliche Funktionalisierung konnte auch bei einzelnen Bestandteilen des Zeremoniells, etwa fehlendem oder angepasstem Schmuck der Räumlichkeiten, oder auch im Ablauf des Zeremoniells festgestellt werden. Ehrung und Herabsetzung, Repräsentation und vertrauliche Beratung – solch gegensätzliche Funktionen erfüllten Audienzen an den verschiedenen Höfen.

Ein zentrales Anliegen des Workshops war die terminologische Klärung des Begriffsfeldes ‚Audienz‘. Wie Dr. Anna Kollatz in ihrem Beitrag zum Mogulreich illustrierte, bestanden schon an einem Hof häufig verschiedenste Formate von Audienzen; noch diverser wurde dieses Bild durch die Vielfalt der während des Workshops vorgestellten Beispiele, die genutzt werden konnten, um Kriterien für den transkulturellen Vergleich von Audienz-Formaten zu erarbeiten und eine gemeinsame Terminologie anzudenken. Diese Ansätze werden in einer gemeinsamen Publikation noch vertieft werden.

 

(05.07.2017)

Artikelaktionen