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Die Entwicklung der Autokratie im Moskauer/Russischen Reich

Unter diesem Titel nahm ein internationaler Workshop im September 2017 die sogenannte „Zeit der Wirren“ (russ. ‚smuta‘) in den Blick, die 1598 mit dem Tod des letzten Rjurikiden, Fedor I., einsetzte und bis zur Thronbesteigung Michail Romanovs 1613 andauerte, der nach Jahren voller Hungersnöte, sozialer Unruhen, Machtwechsel und Legitimationskrisen eine neue Zarendynastie etablieren konnte.

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Foto: © Viktoriya Shavlokhova | SFB 1167

Dieser Zeitraum steht zugleich im Zentrum des Teilprojekts Samoderžcy i edinoderžavie – Die Begründung des zentralistischen Alleinherrschaftsanspruches der russischen Zaren in der ‚Zeit der Wirren‘“, das diese Veranstaltung organisiert hat. Nach begrüßenden und einleitenden Worten des SFB-Sprechers Matthias Becher und des Teilprojektleiters Dittmar Dahlmann erläuterte Vladimir Klimenko (Moskau) zunächst den Zusammenhang zwischen der sozialen Krise und den harten klimatischen Bedingungen im Moskauer Zartum. Er stellte heraus, dass die kälteste Zeitspanne der letzten zwei Millennien genau in die Jahre von 1580 bis 1610 fiel, ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Huaynaputina. Alexander Filyushkin (St. Petersburg) bot im Anschluss eine breit gefasste Übersicht zur Wahrnehmung der smuta in der russischen Geschichte sowie zu den Grundzügen der russischen Autokratie und ihrem Platz auf der Weltbühne vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hervorgehoben wurde die Bedeutung der These vom „Neuen Israel“, von der sich die Idee ableitete, das Reich Gottes auf Erden befinde sich ab jetzt auf dem Territorium der Rus‘.

Die folgenden drei Vorträge thematisierten unterschiedliche Legitimationsstrategien der russischen Herrscher in der „Zeit der Wirren“: Diana Ordubadi (Bonn) konnte anhand der Berufung Boris Godunovs zur Herrschaft zeigen, dass die von Gott gegebene Legitimität bei russischen Herrscherwahlverfahren in jener Zeit eine zunehmende Rolle zu spielen begann. Das traditionelle dynastische Prinzip sei dadurch jedoch eher vervollständigt, keineswegs abgelöst worden. Maureen Perrie (Birmingham) hob hervor, dass die Wahl Boris Godunovs zum neuen Zaren erst mit dem Auftauchen des ersten falschen Dmitrij (Pseudodimitrij, russ.: Lžedmitrij I.) in Frage gestellt worden sei. Die beiden Thronprätendenten, der erste und zweite falsche Dmitrij (Lžedmitrij I. und II.) hätten die gewählten Herrscher Godunov und Šujskij nicht aufgrund der Tatsache verurteilt, dass sie als Herrscher gewählt worden waren, sondern weil sie sich als „Verräter“ gegen die „wahren“ Thronfolger verschworen hätten. Godunov und Šujskij dagegen betrachteten ihre Konkurrenten als Betrüger, die sich gegen einen legitim gewählten Herrscher wandten. Isaiah Gruber (Jerusalem) erläuterte ein dreigeteiltes Konzept zur Legitimierung einer neuen Herrscherdynastie, zu dem die Komponenten vox dei (vertreten von Patriarchen und der Orthodoxen Kirche), vox populi (vertreten durch die Landesversammlung, russ. Zemskie Sobory), und vox feminae (Legitimierung der herrschenden Person durch die Zarin, also die Mutter, Witwe oder Ehegattin) zählten.

Unterschiedliche Vorstellungen von den persönlichen Eigenschaften eines Moskauer Herrschers waren das Thema der beiden Folgevorträge: David Khunchukashvili (München) behandelte das Thema auf ideengeschichtlicher Basis. Im Fokus seiner Analyse stand ein im 15. und 16. Jahrhundert neu etabliertes Machtkonzept im Moskauer Reich, untersucht am Beispiel der Selbstzeugnisse Ivans IV. („des Schrecklichen”). Jener Herrscher sei mit zentralen Vorstellungen von einem „guten christlichen Zaren” durchaus vertraut gewesen, habe diese aber nur partiell rezipiert, indem er Hinweise auf seine eigene uneingeschränkte Macht hervorgehoben und jene Aspekte ignoriert habe, die deren Grenzen aufzeigten. Adrian Selin (St. Petersburg) erläuterte den Zusammenhang zwischen der Kandidatur eines schwedischen Prinzen um den russischen Thron und der Bedeutung der Stadt Novgorod in den Jahren 1611 bis 1615. Zahlreiche Belege wiesen darauf hin, dass viele russische Soldaten bereit gewesen seien, den 1613 neu gewählten Zaren Michail Romanov abzulehnen und stattdessen einen Eid auf einen schwedischen Thronbewerber abzulegen, da dieser aus einer „echten” königlichen Familie stamme.

Die nächste Sektion bot wertvolle Analogien zu den Denkkonzepten einer autokratischen Herrschaft aus anderen Teilen der Welt: Cornelia Soldat (Köln) befasste sich mit der sogenannten Grumbach-Affäre, bei der die Einnahme Würzburgs und der Mord an dem dortigen Bischof als ernster Bruch des kaiserlichen Landfriedens angesehen wurden und eine offene Debatte über die kaiserliche Autorität auslösten. Die detailreiche Beschreibung der Gewalt in den deutschen opričnina-Flugblättern, die einige Jahre nach der Affäre erschienen, habe die Leser dazu veranlassen sollen, den eigenen, gut geordneten Staat mit anderen Ländern zu vergleichen und die Ordnung im Reich zu stabilisieren. Christian Schwermann (Bochum) behandelte ein Dokument, das von Lǐ Sī, dem Premierminister des ersten chinesischen Kaisers Qín Shĭ Huángdì, verfasst wurde. In diesem Dokument stellte er dem zweiten Kaiser der Qín-Dynastie die Idee vor, „wie man über die ganze Welt allein herrschen kann und von niemandem kontrolliert werden kann“. Dieses Testament gehöre zu den wichtigsten Bekundungen des autokratischen politischen Denkens im vormodernen China.

Mit den letzten beiden Vorträgen kehrte die Diskussion zur russischen Geschichte zurück und konzentrierte sich wieder auf die smuta, nun allerdings aus einer Außenperspektive: Dittmar Dahlmann (Bonn) befasste sich mit Texten über das Moskauer Reich, die von ausländischen Diplomaten, Gelehrten und Kaufleuten zwischen 1550 und 1660 verfasst wurden. Die Autoren berichteten aus subjektiver Perspektive und orientierten ihre Wahrnehmungen an den ihnen vertrauten heimischen Verhältnissen. Aus den Berichten gehe hervor, in welch hohem Maße der Empfang, die Audienz und das Essen bei den moskowitischen Herrschern ritualisiert und symbolisch aufgeladen gewesen seien. Reinhard Frötschner (Regensburg) führte abschließend die Perspektive westlicher Russlandberichte auf das Moskauer Zartum während der „Zeit der Wirren“ vor. Im Fokus seiner Präsentation standen Fragen nach der Herrschaftslegitimation und nach dem Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie.

Aufgrund seiner interdisziplinären Zusammensetzung bot der Workshop mit Beiträgen aus Geschichtswissenschaft, Slavistik, Klimatologie und Sinologie eine breite Basis für ertragreiche Diskussionen über Rolle, Funktion und Ausprägung der autokratischen Herrschaft und führte unterschiedliche Forschungsperspektiven aus Deutschland, Russland, Großbritannien und Israel gewinnbringend zusammen.

Einen ausführlichen Bericht von Viktoriya Shavlokhova und Alice Lichtva finden Sie hier (externer Link, H-Soz-Kult).

 

(09.01.2018)

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