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Bilder und Zeichen 2.0 – ein Workshop in Zeiten von Corona

Wie alle Bereiche des öffentlichen Lebens ist selbstverständlich auch die Wissenschaft von der Corona-Pandemie betroffen. COVID-19 durchkreuzte im SFB 1167 und andernorts Pläne für Forschungsaufenthalte, Gastvorträge und weitere Formen des Austauschs, der immer mehr auf digitale Kanäle verlagert werden musste – mit vielen Nach-, aber zugegebenermaßen auch Vorteilen.

Meeting verlassen
 

Lange hatten die Mitglieder des Teilprojekts „Bilder vom König. Macht und Herrschaft der ostfränkisch-deutschen Könige im Siegel- und Münzbild (936–1250)“ (Leitung: Andrea Stieldorf, Historische Grundwissenschaften und Archivkunde) darauf gehofft, den ursprünglich bereits für Mai angekündigten Workshop „Bilder und Zeichen“ über fürstliche Repräsentation auf Siegeln und Münzen des Hoch- und Spätmittelalters vielleicht doch noch in Präsenz durchführen zu können. Anfang Mai, als nach dem ersten Negativhöhepunkt der Pandemie gerade mal erste zaghafte Lockerungen in Kraft getreten waren, erschien das undenkbar. Etwas mehr als fünf Monate später sieht es leider nicht besser aus: Mit steigenden Inzidenzen sinkt die Hoffnung, sich bald wieder persönlich in Hörsälen und Konferenzräumen treffen zu können. Also fiel vor ein paar Wochen der Entschluss, diese Veranstaltung nun online durchzuführen.

Für mich als Teilnehmer hat das zunächst bei Weitem nicht nur schlechte Seiten: Das beginnt schon damit, dass ich an diesem Freitagmorgen länger schlafen kann und nicht zur Bahn zu hetzen brauche, um pünktlich um 9 Uhr sine tempore den einführenden Worten von Andrea Stieldorf, Mareikje Mariak und Maximilian Stimpert (Bonn) zuzuhören. Für Teilnehmer*innen aus Bonn und Umgebung wäre eine solche Anfangszeit ja auch bei einer Präsenzveranstaltung gut machbar gewesen, aber auswärtige Gäste hätten sonst vermutlich schon am Vorabend anreisen müssen. Solche Umstände fallen diesmal weg. Stattdessen muss ich lediglich meinen Laptop hochfahren – und einen Kaffee aufsetzen, damit ich nicht nur körperlich, sondern auch mit wachem Geist vor dem Bildschirm Platz nehmen kann.

Dort lerne ich dann auch die anderen Teilnehmer*innen des Workshops kennen – naja, das ist vielleicht etwas viel gesagt, eigentlich sehe ich sie nur, aber nicht als Menschen aus Fleisch und Blut, sondern nur als übersichtlich angeordnete Kacheln, von denen viele nicht einmal das Konterfei der jeweiligen Person offenbaren, sondern lediglich ihren Namen auf schwarzem Hintergrund. Wie viele von ihnen wohl in Schlaf- oder Jogginganzug vor dem Rechner sitzen? Vielleicht keiner, aber die bloße Möglichkeit wirkt verlockend und die Vorstellung durchaus amüsant: Das wäre dann wohl mal ein Casual Friday, der diesen Namen wirklich verdient hätte…

Eine ausgeschaltete Kamera ermöglicht aber nicht nur modische Liberalität, sondern trägt zugleich auch zum Gelingen der Veranstaltung bei, da der Datentraffic so in erträglichen Bahnen gehalten werden kann. Mindestens für die Vortragenden muss es trotzdem merkwürdig sein, viele Zuhörer*innen nicht bildlich, sondern nur als Schriftzeichen vor sich zu haben: Wenn zudem brav alle Mikrofone ausgeschaltet wurden, sorgt nicht einmal gespenstisches Hintergrundrascheln und -räuspern für ein kleines bisschen Hörsaalatmosphäre… Was auch fehlt, ist der Small Talk mit dem Sitznachbarn: „Entschuldigung, ist neben Ihnen noch frei?“ „Ja, bitte sehr. Warten Sie, ich schiebe meine Tagungsmappe noch etwas beiseite…“ „Ach, nicht nötig, ich habe Platz genug, danke. Und Sie sind Herr…? Ach, jetzt sehe ich Ihr Namensschild, schön, Sie kennenzulernen. Hatten Sie eine gute Anreise? Jetzt wird das Wetter ja doch langsam ungemütlicher…“ Wenn dagegen in einem Online-Meeting mehrere Personen gleichzeitig sprechen, wird es schnell chaotisch.

Der Workshop startet – mit einem technischen Problem. Die Präsentation des ersten Referenten wird zunächst verzögert angezeigt, doch dank eines findigen Teilnehmers ist schnell eine Lösung gefunden und anschließend läuft alles wie am Schnürchen. Glück gehabt, denn während bei ‚normalen‘ Workshops (was wird für uns wohl in ein paar Monaten ‚normal‘ sein?) zur Not auch mal fix die Hardware ausgetauscht werden kann (meistens sind ja genug Laptops im Raum) und es dank solcher Schwierigkeiten manchmal zu charmanten Improvisationen kommt, ist bei einer Online-Veranstaltung jede*r Beteiligte auf sich allein gestellt und zwingend auf funktionierende Gerätschaften sowie eine stabile Internetverbindung angewiesen.

Wenn aber alles glatt läuft, hat das digitale Format durchaus Vorzüge. Das zeigt sich schon direkt beim ersten Vortrag, als Johannes Hartner (Wien) den Beginn der Münzprägung im österreichischen Raum des 12. Jahrhunderts nachzeichnet. Der Detailreichtum, etwa der sogenannten Neunkirchner Pfennige, lässt sich auf dem heimischen Bildschirm zugegebenermaßen deutlich genauer erkennen als auf einem grobkörnigen Beamerbild, das auf weiße Raufasertapete geworfen wird. „Könnten wir die Vorhänge vielleicht noch etwas zuziehen?“ „Würden Sie bitte noch die ersten beiden Lichter ausschalten? Danke, jetzt ist es besser…“ Auch solche Sätze werden heute nicht gebraucht.

Anschließend die erste Pause: Bei ‚normalen‘ Workshops ein zentraler Programmpunkt, denn bei Kaffee und Keksen ergeben sich jetzt die ersten Gespräche, zu denen morgens manchmal die Zeit fehlt, wenn manche Teilnehmer*innen erst auf den letzten Drücker in den Konferenzraum hasten. Gutgemeinte Tools versuchen inzwischen, diese Kaffeepausenatmosphäre notdürftig zu simulieren, aber selbst wenn informelle Gespräche dadurch möglich werden, so fehlt doch die persönliche Begegnung – und die keineswegs zu vernachlässigende Entspannung, die sich einstellt, wenn man zwischen den Vorträgen mal aufstehen und sich ein bisschen die Füße vertreten kann. Stattdessen eine Viertelstunde lang sitzen bleiben und digital weiterplaudern? Keine wirkliche Option, außerdem muss ich noch schnell in die Küche und Kaffee nachgießen.

Der Chat des Videokonferenztools wird in dieser und den folgenden Unterbrechungen dazu genutzt, speziellere Rückfragen zu stellen und weiterführende Informationen zu geben. Zum Glück entwickelt sich hier aber keine Paralleldiskussion, so dass das Hauptaugenmerk stets dem eigentlichen Vortrag gilt – die Benachrichtigungstöne der im Hintergrund fröhlich eintrudelnden Arbeitsmails sind schon ablenkend genug, aber wenn ich sowieso schon am Laptop sitze, dann könnte ich doch eigentlich auch mal eben schnell... – Multi-Tasking war noch nie meine Stärke, also besser mal den Posteingang schließen.

Nachdem Frederieke Schnack (Kiel) die Bildelemente der Mindener Bischofssiegel zwischen 1250 und 1500 vorgestellt hat, folgt bereits die zweite Pause: Es klingelt an meiner Tür – ohne es zu ahnen, beweist der Paketbote exzellentes Timing. Um Siegel von Inhabern hoher Reichsämter und ‐würden im Byzanz des 11. Jahrhunderts geht es dann bei Nora-Sophie Toaspern (Leipzig/Passau).

Die anschließende Mittagspause wirkt mit zwei Stunden großzügig angesetzt: Wie schön wäre es, jetzt gemeinsam durch die Bonner Innenstadt zu schlendern und sich in einem der vielen gemütlichen Restaurants niederzulassen! Stattdessen ist erneut Selbstversorgung angesagt, und wer wie ich versucht, sich in dieser Zeit mehr als nur eine Tütensuppe oder Tiefkühlpizza als Mittagessen zuzubereiten, und nach dem Essen noch schnell mit den Hunden um den Block gehen möchte, wird schnell feststellen, dass diese Pausenlänge wohlüberlegt war.

Torsten Hiltmann (Berlin) schildert zum Auftakt des Nachmittags die Entwicklung der heraldischen Kommunikation auf mittelalterlichen Münzen zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert, dann folgt die letzte Pause: Besser mal wieder aufstehen und ein paar Lockerungsübungen machen, denn Nacken und Rücken sind schon ganz schön verspannt. Dann stellt Steffen Kremer (Bonn) seine Überlegungen zur Protoheraldik in der gotischen Wandmalerei vor.

Während der angeregten Abschlussdiskussion werden mir noch einmal einige schwer abzustreitende Vorteile des digitalen Formats bewusst, denn während bei Präsenzveranstaltungen neben den Vortragenden oftmals nur wenige auswärtige Gäste teilnehmen können, weil man für einen eintägigen Workshop nicht mal eben schnell aus England oder Österreich nach Bonn reisen kann, fällt dieser Hinderungsgrund bei einem Online-Workshop weg. Hier braucht man nur die entsprechenden Zugangsdaten – und schon kann man virtuell am anderen Ende der Welt sein, wenn man möchte.

Was jedoch leider fehlt, ist der oftmals nicht minder ergiebige Austausch jenseits des offiziellen Rahmens: die fortgesetzten Diskussionen, die sich in Kaffeepausen oder bei einem gemeinsamen Abendessen ergeben können. Manche Zusammenhänge lassen sich erst erkennen, wenn man die neuen Erkenntnisse eines Tages etwas sacken lassen konnte, und so entstehen bei solchen Gelegenheiten nicht selten Ideen für künftige Kooperationen und neue Forschungsprojekte.

Der Workshop neigt sich seinem Ende zu. Beim Blick aus dem Fenster und auf einen der ersten Herbststürme dieses Jahres schießt mir kurz der Gedanke durch den Kopf: ‚Wie gut, dass ich jetzt nicht durch dieses Mistwetter nach Hause fahren muss!‘ Aber spätestens beim etwas lieblosen Klick auf den Button ‚Meeting verlassen‘ merke ich wieder, dass digitalen Veranstaltungen einfach etwas fehlt, das sich nicht ausgleichen lässt. Hoffentlich wird das einst so ‚Normale‘ schon bald wieder selbstverständlich für uns sein...
 

(16.11.2020)

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