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Haus und Herrschaft (visuell) – Interdisziplinäre und transkulturelle Zugänge

Teilnehmende aus Archäologie, Germanistik, Geschichte, Indologie, Kunstgeschichte und Tibetologie diskutierten in diesem Workshop (25./26. Januar 2019) nicht nur verschiedene Ebenen des Hausbegriffs, sondern fokussierten auch unterschiedliche Formen von Herrschaft.

Castello di Verrès

Das Castello di Verrès im Aostatal. Foto: © Steffen Kremer | SFB 1167

Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von den Teilprojekten „Der König als Gast – Haus und Herrschaft in der profanen Wandmalerei“ (Leitung: Harald Wolter-von dem Knesebeck) und „Bilder vom König. Macht und Herrschaft der ostfränkisch-deutschen Könige im Siegel- und Münzbild (936–1250)“ (Leitung: Andrea Stieldorf).

Bei der Betrachtung des Hauses als Gebäude wurden seine Verortungen im Raum sowie seine Interaktionen und Abhängigkeiten mit anderen Häusern und Herrschaftsträgern diskutiert, aber auch die innerräumliche Gestaltung der Häuser selbst. Dabei zeigte etwa der Blick nach Südindien, wie im Vergleich zum europäischen Kulturraum zwar unterschiedliche Wertesysteme den Zugang in den dortigen Häusern regulieren, dabei aber ganz ähnliche Aufteilungen und Staffelungen von Räumen unterschiedlicher Offenheit und Privatheit in den Häusern zu beobachten sind.

Weiterhin wurde der Materialität des Innenraums Aufmerksamkeit zuteil, wobei sich etwa in der Gestaltung durch profane Wandmalereien das Haus auch selbst als Symbol wiederfand. Hier, wie auch in anderen vorgestellten und diskutierten Bildmedien, dient es nicht nur der topographischen Verortung von Herrschaften, sondern auch der dynastischen Identitätsbildung, und tritt dabei in Konkurrenz zu arboresken und vegetabilen Bildspendern. Mit Blick auf Tempelmalereien in Ladakh zeigte sich die auch im europäischen wie indischen Kontext bedeutungsvolle Position der Küche im häuslichen und herrschaftlichen Kontext, aus der sich transkulturelle Erkenntnisse ableiten ließen.

Der Abendvortrag wie auch die germanistischen Beiträge führten dann von der territorialen zur häuslichen Herrschaft, wobei dort verstärkt genderspezifische Aspekte einen erneuten Bogen zur Nutzung von (außer-)häuslichen Räumen spannten.

Der Workshop zeigte, dass im bildlichen ebenso wie im schriftlichen Bereich das Verhältnis idealtypischer Normen und gelebter sozialer Praxis zu berücksichtigen ist. So referieren Dar- und Vorstellungen vom Haus nicht absolut, sondern aspektiv Wirklichkeit und generieren diese andererseits, insofern sie zu entsprechend geleitetem Verhalten aufrufen. Die für den Workshop wichtige Fragestellung nach dem stark kritisierten Konzept Otto Brunners vom „ganzen Haus“ und dem Gegenentwurf Joachim Eibachs vom „offenen Haus“ wurde diskutiert und der Vorschlag eines „verflochtenen Hauses“ (Lucas Burkart) entgegengesetzt, das den Aspekt der sozialen Interaktion mit der Umwelt ebenso deutlich betont, aber anders nuanciert. So werden insbesondere die Häuser der Eliten nur okkasionell und kontrolliert geöffnet, ihre Offenheit zeigt sich vielmehr in ihrer Vernetzung mit anderen Häusern, Höfen, Machthabern und Herrschaftsträgern, aber auch dem Fernhandel. Wann, von wem und weshalb das Modell „Haus“ bemüht wurde, muss so weiterhin – ohne Systemzwang konzeptioneller Übertragung – jeweils im Einzelfall und von den Objekten her gefragt werden.

Einen ausführlichen Bericht von Steffen Kremer, Svenja Trübenbach und Johanna Beutner finden Sie auf H-Soz-Kult (externer Link).

(28.03.2019)

 

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