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Vormodernes Feedback – Kritikformen im transkulturellen Vergleich

Am 11. und 12. Oktober 2017 widmete sich der internationale Workshop „Strategien und Erscheinungsformen von Kritik an Herrschern und Herrschaft“ Mustern, Inhalten und dem Ausdruck von Kritik.

Plakat_Workshop_KritikHervorgegangen war der Workshop aus einer interdisziplinären Arbeitsgruppe des SFB 1167 zu Herrscherkritik in vormodernen narrativen Texten. Als mitverantwortliche Organisatorin eröffnete Teilprojektleiterin PD Dr. Alheydis Plassmann (Bonn) den Workshop und die erste Sektion mit einem Beispiel aus der englischen Historiographie und der Verwendung historischer Vorbilder als negative Folie zur Kritik an zeitgenössischen Herrscherfiguren. Dr. Emily Winkler (Oxford) brachte textexterne Elemente der Kritik ins Spiel, indem sie besonders auf Umstände und Abläufe kommunikativer Akte aufmerksam machte. Die Initiierung von Kritik sowie zur Schau gestellte Verzögerung der Kommunikation bis hin zur Ablehnung oder gegenteiligen Einigung zeigten sich dabei als Teil der Formung von Kritik.

In Sektion 2 richtete sich der Blick auf außereuropäische Kritikphänomene im antiken China und der damit verbundenen Remonstration als Sonderform der institutionalisierten, artikulierten Herrscherkritik. Während sich Felix Bohlen M.A. (Bonn) auf die unterschiedlichen zeitgenössischen Kategorien der Remonstrationen konzentrierte, konnte Prof. Dr. Heiner Roetz (Bochum) eine dezidiert chinesische Kultur des Dissens offenlegen, die oftmals dem antiken China noch heute abgesprochen wird. Prof. Dr. Christian Schwermann (Bochum) bezog abschließend die zeitgenössische Selbstreflexion des Autoren Liu Xiang zum erfolgreichen Remonstrieren mit in die Überlegungen ein und stellte vor allem Rückbezüge auf erfolgreiche vorgebrachte Remonstrationen als Stilmittel heraus.

In der dritten Sektion des Tages stellte Prof. Dr. Gerhard Wolf (Bayreuth) die Frage nach der Legitimität von Kritik und kritikwürdigen Handlungen. Nicht nur was kritisiert wurde, sondern auch welche Personen zu welchem Zeitpunkt zur Äußerung von Kritik berechtigt waren, unterlag keineswegs festgelegten Standards. An dem historischen Fallbeispiel Wiprecht von Groitzsch machte Prof. Jonathan Lyon (Chicago) klar, wie unterschiedlich Kritik formuliert und rezipiert werden konnte. Der unbekannte Text des Mönches in den Annalen von Pegau, in dem Heinrich IV. seinen Ritter durch Prüfung und Verweigerung der Entlohnung entehrt, kann als Herrscherkritik an Heinrich gelesen werden.

Prof. Michael Staunton (Dublin) begann die letzte Sektion des Tages mit dem hochmittelalterlichen Autor Gerald von Wales, anhand dessen er den Einfluss antiker Autoren und deren Tugendvorstellungen auf mittelalterliche Autoren zeigte. Die Orientierung an alttestamentlichen und antiken Mustern war – wenn auch nicht unmittelbar intendiert – deutlich. Die schon bei Jonathan Lyon offenkundige Verbindung literarischer Formen und textexterner Kritik wurde auch von PD Dr. Ralf Schlechtweg-Jahn (Berlin) analysiert. Inwieweit durfte auch figurativ kritisiert werden und was legitimierte zu Kritik? Wo lag die Grenze zwischen legitimer Kritik und illegitimem Verrat? Der Verrat kann demnach als extremste Form der figurativen Kritik verstanden werden.

Der zweite Tag des Workshops startete mit Britta Hermans M.A. (Bonn), die die aktive Rolle der Bischöfe als Berater der Herrscher und somit auch als akzeptierte Kritiker derselben am Beispiel einer mittelalterlichen Bischofsvita vorstellte. Clara Hedtrich M.A. (Bonn) fokussierte zunächst auf textinterne Kritikformen am Beispiel des „Iwein“ und rückte den im Narrativ eingesetzten Aspekt der Manipulation des Herrschers durch seine Berater und Kritiker in den Mittelpunkt.

Den Workshop rundete Dr. Lisa Cordes (München) mit einem Beitrag der alten Geschichte ab. Die diskurstheoretische Umcodierung führte sie an den Beispielen der mali principes Nero und Domitian vor.


(24.11.2017)

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