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Nomen est omen

Wer dieser Redensart bislang nicht viel abgewinnen konnte, wird seine Meinung nach dem Workshop „Machterhalt und Herrschaftssicherung. Namen als Legitimationsinstrument in transkultureller Perspektive“ (Bonn, 11./12. Mai 2018) möglicherweise revidieren.

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Foto: © Lisa Opp

Die Veranstaltung, die der SFB 1167 in Kooperation mit dem interdisziplinären Forschungsprojekt "Nomen et Gens" durchführte, wurde von den Teilprojektleitenden Matthias Becher und Linda Dohmen sowie von Stefanie Dick und Hendrik Hess organisiert. Die Teilnehmenden gingen von der Beobachtung aus, dass sich Namen als Merkmal von Personen zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften finden lassen. Ihre Funktion geht dabei weit über die Bezeichnung eines Individuums hinaus, erfolgte die Namenvergabe doch besonders in den Führungsschichten häufig sehr bewusst und konnte dazu dienen, Herrschaftsansprüche zu legitimieren oder politische Programmatiken zum Ausdruck zu bringen.

Die einzelnen Vorträge bildeten die große Bandbreite des auf das frühmittelalterliche Europa ausgerichteten Forschungsprojektes „Nomen et Gens“ hervorragend ab: So ging es etwa um die Möglichkeit, im germanischsprachigen Raum durch die Wahl bestimmter Namenskompositionen, Stabreime oder semantischer Variationen in den Namen Verwandtschaft zu Herrscherfamilien auszudrücken. Die semantische Bedeutung von Rufnamen sei dagegen kaum mehr von Bedeutung und somit selten Motiv für die Wahl eines Namens gewesen. Ebenfalls als ‚programmatisch‘ konnte Namengebung gelten, wenn Kinder nach Vorfahren benannt wurden. In der Weitergabe des eigenen Namens an den Sohn oder Enkel äußerte sich etwa der Anspruch auf eine Nachfolge im Amt, was bei vielen Adelsfamilien zur Etablierung von Leitnamen führte. Auch die Erwähnung, das Auslassen oder das Entfernen von Herrschernamen in Gebeten konnte Herrschaftsansprüche stabilisieren oder negieren. Neben Personennamen nahm der Workshop auch das nomen regis im Sinne eines Königstitels im frühmittelalterlichen Europa in den Blick. Im theoretischen Verständnis der Zeit habe die Belegung mit dem Königstitel den Träger zur Herrschaftsausübung legitimiert und ihn gleichzeitig zur guten und gerechten Herrschaft verpflichtet.

Plakat_Workshop_NeGAls ein wichtiges Hilfsmittel für die Erforschung von Namen im frühmittelalterlichen Europa wurde die „Nomen et Gens“-Datenbank vorgestellt. Bei der überwiegenden Mehrheit der darin aufgenommenen Namen sei die gentile Zuordnung ihrer Träger nicht eindeutig, weshalb solche Zuordnungen in der Regel mithilfe mehrerer Belege erfolgten, nicht allein aufgrund des Namens. Ausführungen zur Namengebungspraxis der römischen Oberschicht in Gallien während des Übergangs vom römischen Imperium zu den gentilen regna ließen dieses Vorgehen ebenfalls sinnvoll erscheinen, da auch hier anhand von Personennamen allein kaum belastbare Aussagen über das Selbstverständnis ihrer Träger (oder der Namengeber) und deren ethnische Affiliation möglich seien.

Die Beiträge aus den Reihen des SFB 1167 erweiterten den geographische Rahmen des Workshops weit über den europäischen Bereich hinaus, denn es wurden auch Namen und Titel bei den Vandalen während ihrer rund hundertjährigen Herrschaft in der vormals römischen Provinz Africa (5./6. Jahrhundert) thematisiert sowie kanonische/postume Herrschernamen im antiken China zur Zeit der Zhou-Dynastie (1045–256 v. Chr.) als Mittel der Herrschaftskritik und -kontrolle vorgestellt, das nachfolgenden Söhnen die Herrschaft erleichtern oder erschweren konnte.

Die Herrscher des nordindischen Delhi-Sultanats legten sich dagegen meist schon zu Beginn ihrer Regierungszeit selbst einen neuen Namen zu, der sich aus einem persönlichen persischen Namen sowie einem islamisch-religiösen Ehrennamen und einem programmatischen Beinamen zusammensetzte. Dadurch konnte sich der Träger sowohl in der islamischen als auch in der iranischen Welt verorten. Auch im frühmittelalterlichen Indien der Dynastien der Maitraka (6.–8. Jahrhundert) und Rāṣṭrakūṭa (8.–10. Jahrhundert) war die Vergabe eines Eigen- und eines Beinamens üblich – zunächst unsystematisch, im Laufe der Zeit dann aber gewissen Regeln folgend. Religiös konnotierte Epitheta rückten Herrscher in die Nähe des Göttlichen.

Wie gewinnbringend es ist, Namen als Legitimationsinstrument transkulturell zu untersuchen, zeigte sich unter anderem in einem Vergleich zwischen den Namen der Herrscherkinder im Frankenreich und im Byzantinischen Reich vom 8. bis zum Beginn des 10. Jahrhunderts. In beiden Reichen wurden die Namen für Söhne, die für die Nachfolge vorgesehen waren, aus einem relativ kleinen Pool gewählt, während die namentliche Bandbreite illegitimer, von der Herrschaftsnachfolge ausgeschlossener Kinder größer war.

Der Workshop belegte eindrucksvoll, dass es sich bei programmatischen Namengebungen um ein kulturübergreifendes, in seinen Ausprägungen jedoch äußerst verschiedenartiges Phänomen handelt, das weniger als ethnisch bedingte, sondern vielmehr als kulturell-religiöse Praxis zu verstehen ist.

Einen ausführlichen Bericht von Lukas Müller von der Abteilung für Mittelalterliche Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn finden Sie auf der Plattform H-Soz-Kult (externer Link).


(28.06.2018)

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