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Wie kritisiert man einen mittelalterlichen Herrscher?

Dieser Frage ging kürzlich der internationale Auftaktworkshop „Criticising the king’s ‚Herrschaft'. Scolding of tyrants in England 1066-1216“ in Bonn nach. Vom 19. bis 20. Dezember 2016 boten 11 Teilnehmer und weitere Gäste an zwei Tagen facettenreiche Zugänge zu Herrschaftskritik im Kontext des langen englischen 12. Jahrhunderts.

Im Rahmen des Teilprojekts „Englische Königsherrschaft im Spiegel der Tyrannenschelte“ (Leitung: PD Dr. Alheydis Plassmann) konnten vielfältige zeitgenössische Vorstellungen legitimer Herrschaft vorgestellt und diskutiert werden. 

 

John Gillingham (London) widmete sich den narrativen Strategien monastischer Autoren, um am konkreten Beispiel Wilhelms II. Rufus eindrucksvoll die Tyrannencharakterisierung in den Quellen herauszustellen. Daran konnte die zweite Sektion des ersten Tages anschließen, in der Sigbjørn Sønnesyn (Durham) das Beispiel der Vorstellung von einem „guten Mann“ bei Robert Grosseteste und Miriam Weiss vor dem Hintergrund ihrer zu erscheinenden Dissertation Königskritik in den Chronica Maiora von Matthäus Paris, als Untersuchungsgegenstand wählten.

 

Ende gut alles gut? Teilprojektleiterin Alheydis Plassmann (Bonn) eröffnete die dritte Sektion und konzentrierte sich auf die Darstellung des Herrschertodes in der Historiographie und die Aussagekraft der Darstellung als Richtschnur für die Wertung königlicher Herrschaft. Aber nicht nur im Tod, auch im Diesseits sollte der Herrscher nach bestimmten Idealen streben, wozu ganz sicher der „rex literatus“ zählte wie Stefanie Schild (Bonn) anhand ihres Vortrags „rex illiteratus asinus est“ über die Strategien der Kritik an Wilhelm II. Rufus bei Wilhelm von Malmesbury und Odericus Vitalis verdeutlichen konnte. Björn Weiler (Aberystwyth) ging in der vierten Sektion der Frage nach dem guten Rat auf den Grund, inwiefern der König auf Rat angewiesen war und vor allem wie Berater dem König Rat erteilen konnten und durften.

 

Den Abschluss des ersten Tages bildete Stephen Church (Norwich) in seinem Abendvortrag mit einer herausragenden Analyse zur Chronologie der Ausstellung von Magna Charta und den daraus abzuleitenden Konsensvorstellungen der Zeitgenossen im Konflikt um Macht und Herrschaft. Nicht nur die Magna Charta als Dokument an sich, sondern ganz besonders auch ihre Entstehungsgeschichte – zeitlich, örtlich und in der tradierten Darstellung ihrer Entstehung in der Historiographie – erlauben tiefgehende Rückschlüsse auf zeitgenössische Vorstellungen über legitime Königsherrschaft.

 

Der zweite Tag des Workshops begann mit einer Sektion zu Herrschaftsinstrumenten. Dominik Büschken (Bonn) stellte soziale Mobilität als Herrschaftsinstrument vor. Durch die starke Kritik monastischer Autoren an dieser Herrschaftspraxis, den Favoriten des Königs und damit am Herrscher selbst, konnte er weitere konkrete Kritikmuster königlicher Herrschaft aufzeigen. Ulla Kypta (Basel) griff die traditionell als zentralisiert beschriebene königliche Administration in England auf und zeigte, dass Bürokratie auch im Hochmittelalter kritikwürdig war vor allem dann, wenn sie aufgrund ihrer thematischen und sprachlichen Differenzierung für Außenstehende komplex und unverständlich wirkte.

 

In der abschließenden Sektion sechs unterstrich Thomas Foerster (Cambridge) die Bedeutung der Durchsetzung legitimer Herrschaftsansprüche, die nur mit Unterstützung des Hochadels zu erwirken war. Roland Zingg (Mainz) beschloss den Workshop mit seinem Blick auf den Becket-Konflikt und ganz speziell der Darstellung Heinrichs II. als ungerechtem Herrscher in Beckets Briefen. Beckets Strategien und Stilmittel in diesen „Propagandaschriften“ gegen den König standen hier im Vordergrund und erlauben Rückschlüsse auf zeitgenössische Reflexion über Herrschaft.

 

(13.01.2017)

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